Vortrag "Eziden - Wer sind sie?" von Hasso Omriko

Verfasst von Hasso Omriko
Übersetzt und vorgetragen von Hatab Omar
18. Feb. 2010

Der Begriff ”Ezidentum” leitet sich aus dem Wort ”Ezda” ab, der Bezeichnung für ”göttliches Wesen”, also dem Schöpfer. Im Ezidentum hat der Schöpfer tausend und einen Namen. Seine zwei wichtigsten sind: 

1) Khweda, das bedeutet die Selbstbewegung, also der, der sich selbst erschuf.
2) Ezda, das bedeutet mein Schöpfer, der, der mich erschaffen hat. 

Die theologische Auffassung: 

Die Religion der Eziden ist monotheistisch: Nichts gleicht Gott dem Schöpfer und keine Schöpfung darf mit Ihm verglichen werden. Er ist der Ursprung allen Seins. Kein Ort und keine Zeitperiode ist frei von Ihm. Ein Vergleich mit dem Schöpfer oder die Gleichsetzung Gottes, gilt im Ezidentum als Polytheismus. Und der Monotheismus verneint den Polytheismus. Es gibt weltweit nur einen Schöpfer:  Er ist Khweda und Ezda. 
Nach ezidischen Glaubensvorstellungen werden die großen Engel von Azazel (Taus-i Melek) angeführt. Das Wort Taus kann mit Oberhaupt übersetzt werden. Das Oberhaupt aller ist Khweda. 

Die Welt verläuft nach Regeln, d.h. alles erfolgt in einer festen, unveränderbaren Ordnung. Ein Khwidan besitzt das Wissen, diese Regeln zu studieren, um die Pläne des Schöpfers zu verwirklichen. Diese heißen Khweschi und Schahi, was Beleben, Aufbau, Sicherheit und Frieden bedeutet. Bei der Beziehung zwischen Mensch und Schöpfer handelt es sich um eine Beziehung eines Teils zum Ganzen; es ist eine direkte Beziehung.

Nach ezidischen Vorstellungen ist die Welt vor 8 Milliarden und 100 Millionen Jahren entstanden. Diese Vorstellungen gehen auf folgende Überlieferung zurück: Die Heiligenfigur Noah fragte einen Engel nach dem Alter des Universums und bekam die folgenden Worte zur Antwort: „Welch einen göttlichen Stern sah ich an diesem Ort alle 90.000 Jahre einmal aufgehen, 90.000 Mal sah ich ihn an diesem Ort!“ Multipliziert man 90.000 mit 90.000, so kommt man auf die besagten 8 Mia. und 100 Mio. Jahre.

Gebete im Ezidentum
Dreimal am Tag wird gebetet:
Bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang wird in Richtung Sonne gebetet. Beim dritten Gebet, vor dem Einschlafen, betet man mit dem Kopf auf dem Kissen. 
Die Reinheit ist Pflicht beim Gebet, insbesondere die Reinheit des Herzens. Es gibt keine festen Formen und Rituale beim Beten. Die besten Gebete sind die, die zwischen Schöpfer und Mensch stattfinden und von niemandem gesehen werden. 

Feste 
Im Ezidentum gibt es 13 Feste im Jahr; sie hängen mit den astronomischen/astrologischen Veränderungen und den verschiedenen Jahreszeiten zusammen, finden an festen Terminen statt und sind von Personen oder ihren Lebensgeschichten unabhängig.

Fasten
Es gibt eine Fasten- Pflicht, die drei Tage vor dem Ezid-Fest im Dezember in der kürzesten Woche des Jahres stattfindet. Weiteres Fasten ist förderlich, aber nicht verpflichtend.

Die ezidische Religion hat fünf Glaubensbedingungen und Institutionen, die die Gesellschaft zusammenhalten: 

1. Vernunft: (Schech) hieß ursprüglich „Che“, was „Vernunft“ bedeutet. Entsprechend hatte der Schech die Aufgabe, den Menschen die Vernunft beizubringen. Dies umfasste vor allem auch die theoretische religiöse Erziehung.

2. Weisheit: (Pir) ursprünglich „Pe“, was „Weisheit“ bedeutet. Pir hatte die Aufgabe, Weisheit zu vermitteln, z.B. den Bau und Gebrauch von Instrumenten (saz).

3. Beruf und Spezialisierung: (Hoste und Merebi), wörtlich „religiöser Meister“, war für die berufliche, aber auch religiöse Ausbildung (Rituale) zuständig. Ursprünglich  betraf das Zuständigkeitsgebiet von „Merba“ die religiös-praktische Erziehung der Kinder und Erwachsenen.

4. Familiengründung:  (Yar) bezieht sich auf die Gründung einer Familie, womit im religiösen Sprachgebrauch der Eziden auch der Zusammenhalt der Menschheit und die Bebauung der Erde gemeint ist. Dies wird insgesamt als Auftrag Gottes an die Menschen verstanden. 

5. Jenseitsgeschwister: (Xwisik und Biraye Axirete). Jeder Ezide und jede Ezidin hat einen Jenseits-Bruder oder eine Jenseits-Schwester. Diese(r) ist Mitglied einer anderen als der eigenen Klasse. Die Aufgabe der Jenseitsgeschwister ist es, sich in irdischen Angelegenheiten (z.B. finanziellen und sozialen) gegenseitig zu unterstützen (Hochzeit, Geburt, Tod).
Im Ezidentum gibt es kein endgültiges Ende, sondern eine Veränderung der Erscheinungsform. Der Tod wird ”Kiras Koharten” (Seelenwanderung, Inkarnation) genannt: ”Das Bestehende endet nicht, und das nicht Existierende fängt nicht an zu existieren”.

Der Mensch besteht aus: 
1. Materie: Erde, Wasser, Feuer und Luft. 
2. Seele: Ein Funke des Göttlichen Wesens. 
3. Geist: Er bringt die Neigungen des Körpers zum Ausdruck. 
Beim Tod, dem ”Kiras Koharten, verwandelt sich die Materie in ihre ursprüngliche Form zurück, die Seele steigt zu ihrem Schöpfer zurück ins Licht.
Der Geist wird beurteilt und muss den geraden Pfad überqueren, bevor er zurückkommt und in einem höheren oder niedrigeren Geschöpf erscheint in Abhängigkeit  seines vorherigen Lebens. Und so geht das Leben weiter, um die Pläne des Schöpfers zu verwirklichen, welche das Errichten des Paradieses auf Erden und die Verbreitung von Sicherheit und Frieden auf der Erde sind.

Weibliche Khodan
Im Ezidentum gibt es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen außer dem des Könnens (Kompetenz, Leistung). Hier bezieht man sich auf den Grundsatz des ”Scher Schera, ci Jine ci Mere”, was mit, „der Löwe bleibt ein Löwe, gleichgültig ob er männlich oder weiblich ist,“ übersetzt werden kann.

Zur Zeit des arabischen Eintritts in unser Land herrschte ”Ezmira” in Süleimaniya. ”Mananosa” war die Herrscherin des Khabur und ”Fero” die Herrscherin des Arzan  Malatiya. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Prinzessin ”Miyan” 10 Jahre lang weltweit die Prinzessin der Eziden und das bevor Indira Ghandi Indiens Premierministerin wurde und Margaret Thatcher die Großbritanniens. 

Im Ezidentum gibt es weibliche Khwidans, wie ”Pira Fat”, die die erste menschliche Gesellschaft aus 7 Familien gründete und die Aufgabe des Weltaufbaus von den Engeln an die Menschen übertrug. Weitere weibliche erwähnenswerte Khwidans sind auch ”Khatuna Fekhra”, ”Pira Libna” … etc. . 

Die Gesellschaft:
Schech, Pir und Murid
Schech und Pirs sind die geistigen Führer der Gemeinschaft. Die Gesellschaft wird von fünf Ämtern geleitet, die in den Glaubensbedingungen aufgeführt sind. Diese Ämter werden von Pir- und Scheichfamilien bekleidet, sowie von denen, die Wunder und Beweise erbringen können, wie z.B der Kocek Ibrahim. Heute ist der Fakir Kasso der Religionsobergelehrte, obwohl er weder ein Pir noch ein Scheich ist. Die ezidische Gesellschaft ist eine verbundene Gesellschaft, so hat jeder Scheich einen Scheich und einen Pir, und jeder Pir einen Scheich und einen Pir, um eine homogene Gesellschaft zu bilden, die nicht hierarchisch ist. 

Die erste Gemeinschaft wurde wie schon erwähnt von ”Pira Fat” gegründet. Sie hat zwei Institutionen: 
1. Gerechtigkeit = ”Navina” 
2. Gleichheit = ”Navisissa”. 

In der Zeit des Propheten Mohammed war der Zuständige für Gerechtigkeit in Mekka ”Dhu Al-Khowaisera Al-Tamimi” und der Zuständige für Gleichheit hieß Mot'am ibn Odai. In der Zeit der Ayyubiden wurden beide Institutionen zusammengeschlossen. Ihr Vorsitzender war ” Makzon Al-Singari”; er befreite zwischen 1220 -1223 die Aleviten aus der doppelten Besatzung der Araber und Franken. 

Geschichte: 
Die erste Erwähnung des Begriffs Ezidi ist in den Sumerischen Texten aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. zu finden. 
Forscher der Universität Heidelberg entdeckten in der Nähe von Diyarbekir und Urfa (Kopakli Tepe) einen 11.000 Jahre alten Tempel, der als ältester von Menschen besiedelter Ort gilt. Dort wurde Religion und Landwirtschaft gelehrt. In diesem  Tempel befindet sich eine viereckige Steinsäule, auf der eine Gruppe von Walen abgebildet ist. Ein ähnliches Symbol fanden französische Forscher nördlich von Aleppo in Afrin auf der Sam’ans Burg, die etwa 500 n. Chr. entstand. Dort windet sich eine Schlange um eine Säule, auf der ein Pfau steht. Auch in den ezidischen Überlieferungen über Moses und Jesus kommt dieses Symbol vor: Auf der Fahne des Moses und in einer Jesus-Darstellung aus dem 16. Jahrhundert, finden sich verblüffende Ähnlichkeiten mit der Darstellung der Schlange auf der obengenannten Säule. Auf der ganzen Welt gilt die Schlange heute als Symbol für Heilung und Medizin, Klugheit und Ewigkeit. Auch im Heiligen Tempel der Eziden im Irak (Lalesh) ist dieses Symbol bis heute an der Wand zu sehen. Das Symbol der Schlange war auch anderen alten Kulturen, z.B. in den medischen, sumerischen, phönizischen Kulturen und im pharaonischen Ägypten heilig.
Die viereckige Steinsäule steht für die Einheit Gottes. Eine solche Säule befindet sich heute im ezidischen Heiligtum von Shar-af-Din in Singal, eine weitere gleiche Säule steht in der Kaaba in Mekka, - der Ort, wo auch die von den Eziden anerkannte Heiligenfigur Abrahams steht. Auch in Homes in Syrien stand eine solche Säule. Der römische Imperator Bassian brachte sie nach Rom und baute zwei Tempel für sie, die denen in Homes glichen.
Abgesehen von den Säulen fanden Forscher auch alte ezidische Symbole: Der britische Archäologe Layard fand bei seiner Suche nach Ninive im alten Babylon das älteste Sinjak der Eziden. Ein Sinjak ist ein religiöses Requisit, bei dem auf einer stets identischen Säule jeweils unterschiedliche Symbole, z.B. eine Schlange, Sonne oder ein Pfau usw. abgebildet sind. 
Ein anderes Sinjak haben Forscher aus dem Museum von Aleppo entliehen. Es war das Siegel des Tempels Suramari (Syrien, nahe Abu Kamal). Beide stammen aus der Zeit von 2500 v. Chr. Als die Juden ihre Kultur begründeten, bekamen sie der ezidischen Überlieferung zufolge 7 Sinjak von den Eziden geliehen, um ihr Land zu bebauen und sich wirtschaftlich zu etablieren. Dies bedeutete jeweils auch die Übernahme des damit verbundenen theologischen und wirtschaftlichen Wissens. Als die Ägypter die Juden unterwarfen, gaben sie die von den Juden geliehenen Sinjak an die Eziden in Syrien zurück.
Die Eziden erhielten mehrere Bezeichnungen durch die Geschichte, einige davon sind: Shargi, Adani, Katani, Ahl-el-Haqq, Hinavi, Dasni, Ruadi, … etc. Die Selbstherrschaft der ezidischen Gesellschaft währte trotz aller Niederlagen bis 1516. Die Gesellschaft fiel mit dem Fall der Aleppo-Burg und ihrem ezidischen Herrscher Ezz-Eddin-Alshimandi im Jahre 1516 nach der Schlacht von Marj Dabiq.

 

 

 

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