Vortrag zur Internetzeitschrift ANA HURA und die Rolle der Frau im yezidischen Prinzen-Clan

von Iruba Beyazid

Die Ezidische Akademie hat am 26.06.2011, um 14.30Uhr, die Ehrung von Iruba Beyazid gefeiert. Iruba hat über ihre Biographie und die Rolle der Frau in der Fürstenfamilie der Eziden referiert.

Sehr geehrte Seminarteilnehmerinnen und Teilnehmer, 

Ich bedanke mich ganz herzlich bei den Veranstaltern der yezidischen Akademie, dass ich heute die Gelegenheit bekommen habe, etwas über die Familie des Prinzen und die Rolle der Frau im Prinz-Clan vorzutragen.

Aber erlauben Sie mir vorher die Ezidische Akademie zu begrüssen. Ich finde, dass diese Aktion der Akademie eine sehr wichtige Aufgabe ist, um die yezidische Gesellschaft, Traditionen und Religion bekannt zu machen.

Ich bin in einer Familie erzogen, die die Bildung und Kultur sehr hoch schätzte. Mein Großvater Prinz Ismail Beg, war ein Führender kultureller Renaissance in der ezidischen Gesellschaft. Er hat Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang 20. Jahrhundert große Reisen durch den Osmanischen Reich gemacht, um die Rechte der Eziden zu verteidigen, obwohl er unalphabet war. Er hat dabei gemerkt, wie wichtig das Lesen und Schreiben ist, denn bei den Eziden war damals das Schulbesuch verboten, weil sie Angst von den Moslimen hatten, die sie verfolgten.

Als Prinz Ismail Beg seine Reisen beendet hat, hat er alle seine Kinder in die Schule geschickt, auch seine Tochter Prinzisse Wansa. Mein Onkel Mir Muawiya Beg, war eine der ersten Eziden, der an die kurdische Revolution unter Führung von Mustafa Barzani teilgenommen hat und für die Freiheit seines Volks gekämpft hat. Mein Onkel Abdulkarim war der erste Schullehrer in der ezidischen Gemeinschaft. Mein Onkel Yezidkhan war der erste ezidische Offizier und nahm in der nationale Revolution 1941 teil.

Deswegen hat mein Vater auch den Weg seines Vaters genommen und uns sehr stark unterstützt. Mein Vater, Mir Bayazeed Beg, wurde im Jahr 1977 als Prinz der Eziden ernannt und im Jahr 1981 als offizielle Prinz und Oberhaupt der Eziden legitimiert, und blieb als Prinz bis er starb. Er konnte in kurzer Zeit sehr starke Beziehungen mit den Machthabenden Staatsführern im Irak, Ägypten und den Golfländern aufbauen. Er hat in seiner Zeit und zum erstem Mal die irakische Regierung überzeugt, die ezidischen Feiertage anzuerkennen. Und hat sogar die Zustimmung der Regierung bekommen, damit die ezidischen Kleriken ihre Barts während des Militärdiensts behalten können. Er hatte die Bildung sehr geschätzt und uns streng aufgefördert, um die besten Noten in den Schule zu erhalten.

Ich habe meine Grund- und Oberschule in Bagdad absolviert und danach habe ich Statistik studiert. Schon seit meiner Kindheit hatte ich einen Wunsch gehabt, Moderatorin für Kinderprograme im Radio oder TV zu werden, im Arabischen Unterricht hatte ich die besten Noten, und war von den Kindergeschichten und Literatur begeistert. Ich wollte später Journalistin oder Schriftstellerin werden, und hatte sehr viele Gedichten auswändig gelernt. Und hatte sehr aktiv in den Kinder- und Schulveranstalungen teilgenommen. Ich hatte große Interesse an Poesie und Literatur, mich interessierte die vorislamische Poesie, sogenannte „Al-Mualaqat“ und literarische Werke der Abbassiten-Zeit. In den Kriegszeiten war ich als Gymnasial-Schulerin an den Nachrichten interessiert und habe die ganzen Ereignissen verfolgt, ich hatte mein Tagebuch aufgeführt und alles geschrieben, was alltäglich lief. Sodass meine literarischen Interessen sich auch von Kindheit an entwickelt haben Die Naturwissenschaft war für mich eine faszinierende Welt, leider konnte ich trotz einer guten Note im Abitur (81%) keinen Studiumplatz in diesen bereichen bekommen, stattdessen wurde ich über Nomenklautur an die Fakultät für Statistik eingeschrieben. Ich habe trotzdem mein Hobby nicht aufgegeben. Aber wie Sie bereits wissen, im Irak waren leider die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Man konnte als Frau nicht vieles erreichen.

Im Jahr 2001 reiste ich mit meiner Familie nach Deutschland. Hier hatte man die Möglichkeit sich zuvorranzubringen und nicht mehr von der Außenwelt isoliert  zu sein. Dank der neuen Kommunikationstechnik insbesondere Internet, das ermöglicht hat, den Fortschritt zu beschleunigen. Dadurch bekam ich einen Draht zu den yezidischen Aktivitäten in Deutschland. Mich begeisterten am Anfang die Artikel und Werke von Dr. Mirza Dinnayi, den ich als Vorbild im Leben ansehe. Er war damals noch Medizinstudent, aber gleichzeitig publizierte er als Schriftsteller eine Zeitung Namens Qendil und schrieb in verschiednen Zeitschriften. Er unterstützte mich dabei zu schreiben und förderte mich, um meine Artikel im Internet zu veröffentlichen.

Ich habe im Jahr 2004 angefangen, verschiedene Artikels über unterschiedlichen Themen zu veröffentlichen, v.a. über ezidischen Angelegenheiten, Frauen und sozialen Themen. Im Jahr 2005 habe ich eine neue Homepage unter dem Namen (Ana Hurra) gegründet. Der Name bedeutet „Ich bin Frei“.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Mein Mann Prinz Abu Hakam mich dabei sehr stark unterstützt hat.

Eine Internetzeitschrift zu organisieren braucht viel Zeit und Nerven, insbesondere wenn es kein Beruf sondern nur ein Hobby ist, wo man dadurch statt Geld zu verdienen, mehr Geld ausgibt. Trotzdem habe ich mein Leben so organisiert, dass die Homepage immer auf dem aktuellen Stand lag, ich musste manchmal bis um 2 Uhr Nacht wach bleiben, bis ich die Homepage aktualisiert habe, auch ohne meine familiäre Verpflichtungen zu vernachläsigen. Ich habe sogar meinem Mann in seinem Getränkeladen stark unterstützt, und oft die Hälfte seiner Arbeit übernommen.

Vielleicht ist es auch wichtig zu erwähnen, dass das Publizieren einer Internetzeitschritft wie andere Zeitungen immer mit Problemen verbunden ist. Insbesondere in unsere Gesellschaft, die unter Verfolgung und Diskrimierung leidet. Hierbei hatten wir Probleme mit den Machthabenden und auch in der Gemeinschaft. Ich habe versucht, dass Ana Hura ein Portal für alle Meinungen sein wird, so eine unabhängige und überparteiliche Homepage. Die Ziele der Homepage sind die Unterstützung der Frauenrechte, Menschenrechte, Integrationsförderung, und Förderung der Reformen in der ezidischen Gesellschaft.

Ana Hura beinhaltet verschiedene Rubriken, wie z. B:

1)  Die Frau im Gesetzentwurf des ezidischen Personalrechts
2)  Atikels der Chefredakteurin
3)  Ezidische Angelegenheiten
4)  Interviews
5)  Frauenangelegenheiten
6)  Minderheiten
7)  Gesundheit
8)  Sport
9)  Literatur und Kultur

  1. Kriminalitätsbekämpfung
  2. Studien
  3. Erklärungen und Werbungen
  4. Persönlichkeiten aus der Geschichte
  5. Und eine weitere Rubrik ist über Artikels vom Abu Azad, eine der ezidischen Intelektuelle, der eigentich die Möglichkeit über ANA HURA bekommen hat, seine Forschungen und Arikels zu veröffentlichen.

Ich habe versucht, die neuen Ideen und die Reformbeförworter zu unterstützen, und die alten Sitten und falschen Traditionen abzuschafen. Insbesondere bezüglich Bekämpfung vom Zwangheirat und Braugeldtraditionen. Dabei war ich als Homepageinhaberin von Kritik und Konflikten nicht gehüttet.

Eins muss ich auch sagen, dass die Internetseiten und Zeitschriften der Eziden fast die einzige Media sind, um unsere Gesellschaft bekannt zu machen, weil wir keine TV- oder Satelliten-Kanal besitzen. 

Meine Damen und Herren,

erlauben Sie mir bitte, noch ein Paar Worte zum Thema „Die Rolle der Frau im Clan des ezidischen Prinzen“ zu erwähnen:

Es ist durchaus bekannt, dass die Frauen in den orientalischen Gesellschaften, unter Anderem den ezidischen, stark unterdrückt waren und sind.

Im Irak war die Anzahl der Frauen, die die Schule besuchten, sehr gering, bei den Eziden sind die Zahlen noch schlimmer. Mit dem Fortschritt bekamen viele Frauen die Gelegenheit für Alphabetisierung, weniger von denen haben Grundschulen besucht und noch weniger konnten die Oberschulen, Berufschulen und Uni besuchen. In solchen konservativen Gesellschaften ist die Frau isoliert, aber wenn eine Frau die Gelegenheit bekommt, entwicklt sie mit großen Fortschritten. Solche Frauen können eine sehr starke und dominante Persönlichkeit erweisen.

Die Eziden haben wie Sie bereits wissen einen Prinz, der nur aus einem Clan ausgewählt wird. Die Großfamilie des Prinzen besteht aktuell aus etwa 100 Familien. Sie spielt eine religiöse Rolle als Führende Familie im ezidischen Community. In der Geschichte der ezidischen Prinzen konnten wenige Frauen eine bedeutende Rolle spielen, aber die das geschafft haben, sind durchaus in jedem Buch über Eziden bekannt, ich möchte daher ein Paar Beispiele aus der alten und neuen Geschichte erzählen:

 

 

1) Na’am Khatum (die mutige Frau):

Sie war die Ehefrau vom Prinz Ali Beg der Große, der 1832 ermördet wurde. In diesem Jahr griff der Mir Muhammad, der Prinz von Soran, die Eziden an, und begang ein Massaker gegen den friedlichen Eziden. Er tötete dabei 120.000 Menschen und zwang viele Dörfer zu Islamisierung. Er nahm den ezidischen Oberhaupt gefangen und tötete ihn unterwegs. Er verbiet sogar die Bestattung seiner Leiche und lies seine Leiche im Frei stehen.

Na’am Khatun, die Ehefrau von Ali Beg, leistete ein mutiger Widerstand gegen das Befehl des Fürstens. Sie ging zum Militärlager von Mir Muhammad und verlangte ein Gespräch mit ihm. Sie hatte sogar einen Dolch getragen, und versuchte zuerst zum Zelt ihres Freindes zu gehen, um Mir Muhammad zu töten. Die Leibwächter haben es gemerkt und könnten das rechtzeitig verhindern. Als das nicht möglich war, holte sie die Leiche ihres Mannes ab und kehrte zum Heimat zurück.

2) Mayan Khatun (die starke Frau):

Eine weitere Frau aus dem Prinz-Klan wurde Anfang des letzten Jahrhundertrs wohl bekannt, weil sie die Eziden für längere Zeit geführt hat. „Mayan Khatun“ ist die Schwester vom Prinz Ismail beg, und die Ehefrau von Ali beg. Ihr Geburt wurde um 1870-1875 geschätzt.

Sie begleitete ihren Mann, als der Letzte im Jahr 1892 von seinem Heimat durch die Osmanien vertrieben wurde. Ali beg wurde damals aufgefordert, die ezidische Religion zu verlassen und die ganzen Eziden zu islamisieren, als er abgelehnt hat, wurde er vom Baathra nach Sywas vertrieben. Mayan Khatun hatte einen großen Einfluss auf ihren Mann, sie war angeblich seine Beraterin und die tatsächliche Führerin der Eziden. Sie ist soweit mit Durchsetzung ihrer Interessen gekommen, sie spielte die Rolle als Prinz.

Als ihr Mann 1913 starb, war ihr Sohn noch 12 Jahre alt. Sie ernnante sich selbst als Regent des Thrones und führte die s. ezidische Gesellschaft. Auch als ihr Sohn erwachsene wurde, hat sie die Gesellschaft geführt,

Mayan Khatun hat anschliessend nach dem Tod ihres Sohnes über die Schiksal der Prinzenwahl entschieden. Sie sagte, man muss denjenigen auswählen, der väterliche- und mutterlicheseits aus Prinzfamilie herkommt. Deswegen hat sie ihren Enkelsohn Tehsin beg als Nachfolger seines Vaters ausgewählt und seine anderen erwachsenen Brüder vernachlässigt, obwohl er noch minderjährig war, übernam ihr Enkelsohn Tahsin beg, die Prinzenrolle, der wiederrum 13 Jahre alt war.

Mayan Khatun hat deswegen die Gesellschaft bis ihren Tod geführt.

Sie war eine sehr starke Frau und konnte eine große Gemeinschaft führen, ohne Lesen und Schreiben zu können. Sie hatte starke Beziehungen zu den arabischen und kurdischen Sippen aufgebaut und eine Rolle für die Eziden in der Region realisiert. 

Prinzesse Wansa (die schamante Frau):

Sie war eine der ersten Frauen in dreißger Jahren, die die amerkanische Schule in Mosul besucht hat. Sie wurde später in der amerikanischen Universität in Beirut aufgenommen.

Sie war eine schamante und karismatische Frau und als König Faisal I, Sinjar besucht hat, wurde er bei Familie Ismail Beg aufgenommen. Wansa hat die offizielle Empfangsbegrüßung in Anwesenheit großes Publikum gelesen.

Sie musste nach dem Tod ihres Vaters die Uni ohne Abschluss verlassen. Und das Tod von Ismail Beg hatte noch weitere dramatische Folgen auf die junge Lady. Sie wurde gezwungen den Said Beg zu heirat, der noch  zwölf weitere Frauen in seinem Harem hatte. Es waren so große kulturelle Unterschiede und auch Generationsunterschiede zwischen den beiden.

Aus ihrer eigenen Gründen flieh Prinzesse Wansa vom Irak und hat später einen berühmten syrischen Arzt geheiratet, und nach seinem Tod einen ägytischen General geheiratet. Sie hat sich dann in Kairo niedergelassen und lebt bis jetzt. Sie gehörte zum Kairoer High Society und ist bis jetzt eine sehr aktive Lady in Ägypten.

4) Prinzesse Aliya Bayazed (die Schlaue Frau):

Sie ist die Tocher des Prinzen Bayazed Ismail Beg. Prinzesse Aliya war die erste ezidische Rechtsanwältin, und eine der besten Jura Studenten ihrer Zeit. In den siebziger Jahren war sie Büroleiterin im irakischen Parlament. Später hat sie im Gerichthof von Mosul gearbeitet. Sie hatte viele Artikel veröffentlicht, insbesondere über Frauenangelegenheiten und Rechte. Nach dem Tod ihres Mannes 2001 wurde sie gezwungen im Dorf zu leben, und  ihr wurde  die Arbeit und Kontakt mit Außerhalb verboten. Das ist leider die Schicksal viele Witwen und Geschiedene Frauen in der orientalisch-traditionellen Gesellschaft.

5) Prinzesse Omaya Bayazed:

Sie ist die zweite Tochter von Prinz Bayazed Ismail Beg. Sie hat Soziologie studiert, und arbeitet jetzt als Verwaltungsdirektorin beim Endoment für Christen, Eziden und Sabiiten in Bagdad, die offizielle Höchst-Behörde der Angelegenheiten der nicht muslimischen Religionen im Irak.

Eins muss ich am Ende meines Vortrags sagen, dass die Frauen in meinem Clan das Leben nicht leicht haben. Wir haben die Höffnung, dass diese Situation geändert wird, indem die Männer mehr Respekt für uns machen, und auch daran glauben, dass eine Gleichberechtigung mit der Frau wichtig ist, um eine vernünftige Gesellschaft und Zukunft zu gründen.

Ich bedanke mich ganz herzlich für die Aufmerksamkeit. 

 

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