Christen im Irak und die aktuelle Situation der religiösen Minderheiten im Nahen Osten

von Dr. Michael Hausin

11. April 2010

Die Bibel nennt den Irak das Zweistromland, das Gebiet zwischen den imposanten Flüssen Euphrat und Tigris. Hierhin lokalisieren einige Gelehrte den Garten Eden, das Paradies, mithin den Beginn der Menschwerdung. Aus Ur in Chaldäa kam Abraham – der Vater des Glaubens im Judentum und Christentum. Um 600 vor Christus saßen  die Kinder Israels in Babylon, verbannt und versklavt und weinten um Jerusalem. Nach mittelalterlichen Legenden reisten die Heiligen Drei Könige aus dem Nordosten des Irak bis nach Bethlehem, um den geborenen Messias Jesus zu beschenken.

Wir sehen: Der Irak ist altes biblisches Land und schon früh finden sich erste christliche Gemeinden. Lange bevor wir ein „christliches Abendland“ kannten, waren die Jünger Jesu im Irak vorhanden. Die bösartige Propaganda vom „christlichen Fremdkörper“ ist daher stets zurückzuweisen. Gerade die Christen, aber selbstverständlich auch andere Minderheiten, können dem Islam gegenüber selbstbewusst auftreten. Denn lange bevor Mohammed in Mekka auftrat, gab es ihre Gemeinden im arabischen Raum. Christen sind kein Überbleibsel einer kolonialen Epoche. Sie sind genuin arabisch und leben im Irak seit Generationen.

Ein Blick auf die Statistik zeigt uns allerdings die prekäre Lage der Christen. Etwa 95 % der Iraker sind Muslime, davon zwei Drittel Schiiten und ein Drittel Sunniten. Von den ehemals 1,5 Millionen Christen im Irak, leben heute wahrscheinlich nicht einmal mehr die Hälfte in ihrer Heimat. Nach dem Sturz Saddams 2003 wurden sie Opfer religiöser Gewalt. Al Kaida Terroristen verüben seither grausame Anschläge auf Christen und ihre Einrichtungen. Massenhaft verlassen sie seither das Land, zumeist in die Nachbarländer Syrien, Jordanien und Libanon. Etwa 700000 irakische Christen leben im Ausland und 150000 sind so genannte Binnenflüchtlinge geworden, vertrieben aus ihren Dörfern, leben sie zumeist im Norden, im kurdischen Autonomiegebiet. Im Süden leben die Christen vorwiegend in und um die Städte Bagdad und Basra. Die Europäische Union hatte sich 2008 auf die Aufnahme von 10 000 Flüchtlingen aus dem Irak geeinigt. Deutschland nahm 2.500 Personen auf.
Die Kirchen im Irak sind nicht weniger konfessionell aufgesplittert wie in der westlichen Welt. Die größte Kirche bildet die Chaldäische Kirche, die mit Rom verbunden ist. Zu ihnen gehören gut zwei Drittel der irakischen Christen. Daneben gibt es noch die Assyrische und die syrisch-orthodoxe Kirche. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges finden wir auch protestantische Kirchen, die durch die Missionsarbeit zuerst britischer Missionare entstanden. Seit den 1960er-Jahren entstanden auch evangelikale bzw. charismatische christliche Gruppen, die ohne feste Strukturen oder Gebäude sich zumeist in Privathäusern treffen. Nach dem Sturz Saddams vermehrten sich diese Gruppen zunehmend und lösten die traditionellen protestantischen Kirchen wie Methodisten oder Anglikaner, in ihrer Bedeutung ab. Es wird geschätzt, dass etwa zwei Drittel aller 15.000 Protestanten diesen charismatisch-evangelikalen Hausgemeinden angehören. Sie werden in einer zunehmend gewalttätigen Umgebung die größten Überlebenschancen haben, da sie nicht so leicht zu identifizieren sind wie traditionelle Christen, mit ihren festen Gebäuden und bekannten Versammlungsstätten.

Unter der Diktatur Saddam Husseins gab es zumindest unter den altorientalischen Christen ein Stillhalteabkommen. Saddam war kein muslimischer Fanatiker, wahrscheinlich gar kein religiöser Mensch. Verglichen mit den Islamisten im Iran oder Saudi-Arabien erschien Saddam als der „berechenbare Teufel“. Den Kirchen war die "Bestandserhaltung" erlaubt, das Praktizieren ihrer Religion innerhalb ihrer Gemeinden und Familien. Missionarische Aktivitäten waren verboten, da es zu Spannungen mit der muslimischen Mehrheit geführt hätte.

Die neue Verfassung des Irak vom Oktober 2005 enthält zum Thema Religionsfreiheit einige Paradoxien. Zu den Staatszielen zählt auch der Schutz des Islam als offizielle Staatsreligion, Art. 2 nennt das den "Schutz der islamischen Identität des Volkes." Aber was ist unter "islamischer Identität" zu verstehen? Und wie schützt eine Regierung eine Identität? Gehört zur islamischen Identität die Einführung und Praktizierung der Scharia? Ist zum Schutz der islamischen Identität ein Missionsverbot anderer Religionsgemeinschaften angemessen? Niemand weiß das sicher zu sagen, der Interpretation sind Tür und Tor geöffnet. Mit dem Abzug der allierten Armeen werden wir hier noch auf Überraschungen gefasst sein dürfen.
Desweiteren fordert die Verfassung den Islam als Grundlage der Gesetzgebung. Kein Gesetz darf in Kraft treten, das den "überlieferten Grundsätzen des Islam" widerspricht. Erneut die Frage: Was sind "überlieferte Grundsätze"? Die Interpretation ist völlig offen und es steht im Ermessen von Politikern und Richtern, diese Lücke zu füllen. Wir wissen nicht, in wessen Sinn.
Ein besonderes Problem taucht hier auf: die Realität von Menschen, die ihre Religion wechseln, Konvertiten. Rein formal gilt im Irak in Ermangelung staatlicher Regelung weiterhin die Scharia. Die sieht für ein Verlassen des Islam die Todesstrafe vor. Aber seit 2003 sind alle Körperstrafen durch alliertes Statut abgeschafft. Es herrscht also ein Zwischenzustand und es ist offen, wie der gelöst wird, sobald der Irak seine volle Souveränität zurück erhält.

Nach dem Sturz Saddam Husseins brach sich die Gewalt gegen die nichtislamischen Minderheiten ungeheure Bahn. Bereits 2003 erschienen einige Fatwas, islamische Rechtsgutachten, die den Christen vorwarfen, die "Fünfte Kolonne" der USA zu bilden. Die Religion der Christen wird zunehmend als Religion der "Besatzer", des "Westens" identifiziert. Sie seien mitverantwortlich für die Zersetzung des Islam. Das unterstellt den Christen, kein Recht auf Anwesenheit im Irak zu haben.
Das Jahr 2004 zeichnete sich durch besonders grausame und spektakuläre Anschläge gegen Christen und ihre Einrichtungen aus. Im August gab es gut koordinierte, zeitgleiche Anschläge gegen Kirchen in Mosul und Bagdad mit 15 Toten. Im Oktober dann Attentate auf sechs Kirchen in Bagdad und im Dezember Anschläger auf Kirchen in Mosul.  Das war der Auftakt. Seither gibt es jedes Jahr zahlreiche Anschläge - aber auch Terrorakte gegen Einzelpersonen bzw. Familien. Die Entführung von Christen hat (wenn es gut geht) nur einen kriminellen Hintegrund, mit dem Geld erpresst werden soll. Im schlimmsten Fall wollen radikale Muslime mit einer demonstrativen Hinrichtung ein Exempel statuieren und Angst unter die Minderheiten bringen. Ein prominentes Opfer war der Erzbischof von Mosul, Faraj Raho, der 2008 entführt und hingerichtet wurde.
Die Alltagsdiskriminierung ist kaum zu erfassen. Obwohl die Scharia-Regeln der Verschleierung eigentlich nur muslimische Frauen betreffen soll, werden auch Christinnen aufgefordert, das islamische Kopftuchgebot zu beachten. Eine Warnung an Studentinnen an der Universität warnte alle. An der Wand stand: Entblößt euer Haar nicht, sonst werden wir euch scheren und töten. Natürlich könnten christliche Frauen darauf beharren, als Christen nicht von den Geboten der Verschleierung betroffen zu sein. Aber im Alltag erleben sie es doch, dass sie unverschleiert angepöbelt, geschlagen und als "Huren" bezeichnet werden. In Mosul haben 1500 Studentinnen die Universität verlassen, weil sie Angst hatten, unverschleiert zu Opfern von Säureattentaten o. ä. zu werden.
Besonders deutlich wird die Hilflosigkeit der Christen, wenn wir die Entführungen junger Frauen betrachten. Sie werden entweder zwangsislamisiert oder nach einer Weigerung vergewaltigt und ermordet.
Viele christliche Familien kennen das Phänomen der Drohbriefe, mit der Ankündigung ihrer Ermordung. Demonstrativ liegen manchmal CD-Roms bei, die Szenen von widerlichen Hinrichtungen enthalten oder im Umschlag findet sich eine Gewehrkugel zur Mahnung. Die Botschaften sind deutlich: Das droht auch euch, also verschwindet. Der katholische Erzbischof von Bagdad, Jean-Benjamin Sleiman, ist besorgt: "Alles läuft auf eine Auflösung des Christentums im Irak hin. Die Christen haben nur die Wahl, sich ganz zurückzuziehen oder sich aufzulösen."
Alle Demütigungen, Entführungen oder Attentate haben eine Botschaft: Werdet Muslime oder verlasst den Irak.

Was wir im Irak wie durch ein Brennglas beobachten ist leider ein Trend, der im ganzen Nahen Osten stärker wird. Die gesellschaftliche Stellung der Minderheiten ist gemessen an internationalen Menschenrechtsstandards in den meisten islamischen Staaten unhaltbar. Auch unhaltbar gemessen an völkerrechtlich verbindlichen Verträgen, die diese Staaten alle unterzeichnet haben.
Der Nahe Osten ist eingebettet in einen langjährigen Trend, der die islamische welt erfasst hat: der zunehmend wachsenden Islamisierung. Islamische Fundamentalisten wollen nicht werbend für ihre Religion überzeugen, sie setzen auf Gewalt. Leidtragende dieser Radikalisierung sind in erster Linie die nichtmuslimischen Minderheiten wie die Christen. In den letzten zehn Jahren hat der Druck auf Christen in islamischen staaten enorm zugenommen. Aber auch andere Minderheiten wie die Bahai im Iran oder die Eziden im Irak spüren die Gewalt.
Die Einschüchterungen der Minderheiten nehmen entweder Terrorgruppen oder selbsternannte "Schützer des Islams" in die Hand oder der Staat selbst. Im Irak und im Libanon finden wir Beispiele für erstgenanntes Phänomen, dort terrorisieren Al Kaida und Hisbollah die Christen. Im Iran ist es der Staat selbst, der sein ganzes Arsenal einsetzt, um Christen zu behindern. Manche Staaten, wie Algerien oder Ägypten, setzen die Christen ohne Überzeugung unter Druck, nur um die im Land tätigen Fundamentalisten zu besänftigen. Algerien hat vor kurzem ein Antikonversionsgesetz erlassen, das es unmöglich macht, den Islam zu verlassen. Das geschah, um die Fundamentalisten von Terrorakten abzuhalten. In Ländern wie Saudi-Arabien und im Norden Nigerias finden wir die Einrichtung von speziellen Polizeieinheiten, die die Einhaltung der Scharia-Regeln überwachen (Religionspolizei).

Für Christen gehört Verfolgung fest zu ihrer Geschichte. Jesus selbst wurde verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Die ersten dreihundert Jahre Kirchengeschichte sind eine Abfolge von Verfolgung und dem Versuch, die junge Kirche auszulöschen. Auch danach finden wir Verfolgung: Traurigerweise von Christen gegen andere Christen. Die kommunistischen Regime unterdrückten die Christen wie der Nationalsozialismus. Und gegenwärtig gehört die islamische Welt zu den Orten, an denen Christen am gefährdetsten sind.
Verfolgung geschieht zumeist in einem Dreischritt:
1. Desinformation
2. Diskrimnierung
3. Verfolgung im physischen Sinn

Zur Desinformation gehört die Verbreitung von Gerüchten und Falschinformationen. Zum Beispiel: Christen arbeiteten alle für den CIA, sie verehrten drei Götter, darunter eine Göttin (Maria). Diese Falschinformation ist neben der gegen die Eziden gerichtete, diese seien Teufelsanbeter, eine folgenschwere. Damit verwirken Christen und Eziden jeden Schutz, ja, sie fallen als Götzen- bzw. Teufelsanbeter nahezu aus der menschlichen Gemeinschaft, die keine Rücksicht verdienen.
Zeigen die Desinformationskampagnen Wirkung, folgt die Diskrimnierung. Christen werden zu Bürgern zweiter Klasse. Sie werden von Staat und Gesellschaft schlechter behandelt. Zur Diskrimnierung gehören Passeinträge der Religionszugehörigkeit, um sie besser zu identifizieren oder die Verweigerung höherer Bildung oder Karrierechancen.
Am Ende steht die physische Verfolgung, die entweder vom Staat ausgeht, wie im Iran oder Saudi-Arabien, oder von "privaten" Terrorgruppen wie im Irak oder dem Libanon. In beiden Fällen droht den Christen für ihr abweichendes religiöses Denken am Ende der Tod. Verfolgung geschieht vor dem Hintergrund eines gefährlichen Traums: dem der homogenen Gesellschaft, alle sollen gleich sein, der gleichen Religion angehören. Dieser Wunsch ist der Tod für die Freiheit, für die politische und die religiöse. Charles Evans Hughes, Oberster Verfassungsrichter der USA von 1930-1941, warnte: "Wenn wir das Recht verlieren anders zu sein, verlieren wir das Recht frei zu sein."

Religionsfreiheit gilt allgemein als "Mutter der Menschenrechte". Im 16. Jahrhundert war der Ruf nach Glaubensfreiheit der Anfang zur Ausgestaltung noch anderer Rechte wie der körperlichen Unversehrtheit. Die Grundlagen für Religionsfreiheit, wenn ich das als Christ sagen darf, sind gut biblisch: Bereits das Alte Testament kennt die Trennung von Staat und Religion, verkörpert durch Mose, den politischen Führer, und Aron, den religiösen Führer. Oder denken wir an die Könige Israels, die nie den Kult bestimmten, dafür waren Priester und Propheten zuständig. Im Zinsgleichnis bestätigt Jesus diese Teilung. Es bedurfte schmerzlicher historischer Zeiten, bis wir heute da angelangt sind, dass alle bestimmenden christlichen Konfessionen sich unzweideutig zur Religionsfreiheit bekennen. Nicht aus Relativismus, weil es gar keine Wahrheit gäbe. Sondern um die Möglichkeit zu haben, die Wahrheit frei zu suchen. Nicht aus rein humanistischen Gründen, sondern um Gott die Ehre zu geben, der allein die Gewissen der Menschen führt.

Aufschlussreich ist hier der Ansatz eines frühen christlichen Denkers, Tertullian (150 - 230 n. Chr.). Er erlebte die Verfolgung durch das römische Reich hautnah. In einem Brief an den Kaiser schrieb er: "Es ist ein Menschen- und ein Naturrecht, das zu verehren, was man für gut hält und die Gottesverehrung des einen bringt dem anderen weder Schaden noch Nutzen. Es liegt nicht im Wesen der Gottesverehrung, zur Gottesverehrung zu zwingen, da sie aus freien Stücken unternommen werden muss und nicht aus Zwang. Wenn ihr uns also auch wirklich zum Opfern treiben wollt, so würdet ihr euren Göttern keinen Dienst damit erweisen."
Bemerkenswert ist, dass dieser Text aus dem zweiten Jahrhundert stammt. Er muss für Christen Erbe und Auftrag sein. Das Argument des Tertullian kann im Gespräch mit Muslimen von Vorteil sein. Denn natürlich kann es Muslimen gelingen, mit Gewalt Menschen dazu zu bringen, die islamischen Riten durchzuführen. Aber will Allah eine erzwungene Verehrung? Ist es Allah angenehm, wenn Menschen nicht aus freiem Herzen zu ihm beten, sondern aus Angst sonst gefoltert oder ermordet zu werden? Diese Fragen treffen unser aller Herzen und wir müssen antworten, wie unser Gottesbild bestimmt ist. Will ich durch Argumente überzeugen oder mit Gewalt? Die Angst vor Andersgläubigen muss aus den Herzen vertrieben werden. Wir brauchen mehr Großherzigkeit den Minderheiten gegenüber. Eine erzwungene Islamisierung ist hoffentlich auch für Muslime eine Beleidigung Allahs.

In rund 60 Ländern wird gerade den Christen das Recht verwehrt, ihren Glauben frei zu leben. Wo die Religionsfreiheit missachtet wird, da steht es auch um andere Menschenrechte zumeist sehr schlecht. Die Verletzung der Religionsfreiheit geschieht durch islamische Staaten, Terrorgruppen, Staatsreligionen und atheistische Regime.
Die Nachrichten über Verfolgung könnten uns mutlos machen. Statt Toleranz, Miteinander und Verständnis sehen wir Hass, Unduldsamkeit, Gewalt. Diese Lage wird sich nicht von heute auf morgen ändern. So viel Realitätssinn muss bei allem Optimismus bleiben. Aber dass auch in der islamischen Welt ein Prozess erfolgreich endet, der in Europa zu Toleranz und Religionsfreiheit führte, muss nicht utopisch sein. Die religiösen Minderheiten im "Haus des Islam" können hier eine wichtige Rolle spielen. Minderheiten sind durch ihre Erfahrungen von Unterdrückung immer die Anwälte für Toleranz und Freiheit. So war es in Europa. Die großen Konfessionen interessierten sich kaum für Religionsfreiheit und praktizierten sie weitgehend nicht. Es waren die kleinen Gruppen, die Dissenters, die Abweichler, die Glaubensfreiheit gegen die Mainstream-Kirchen durchsetzten. Christen und Eziden können zu Anwälten der Freiheit in der islamischen Welt werden. In Zusammenarbeit mit gemäßigten Muslimen kann es gelingen, die gewaltorientierte Realität im Nahen Osten zu verändern. Dazu bedarf es Leidenschaft und Leidensbereitschaft.

 

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