"Mir Meh - Der Prinz und die Ewigkeit" von Sebastian Kortemeier und Hatab Omar

Es gab einmal einen wohlhabenden, reichen Prinzen, der lebte mit seiner Familie und seinen Dienern in einem großen Palast in einer alten Stadt. Dieser Prinz hatte einen Sohn, der hieß Mehe. Der Vater sorgte dafür, dass sich sein Sohn nur im Palast und in der umliegenden Parkanlage, die mit einer hohen Mauer umgeben war, aufhielt, fernab aller schlechten Dinge, die sich in der Stadt und in der Welt zutrugen. Unter der Bedingung, dass es ihm an nichts fehlen durfte, sollte Mehe das Palastgelände niemals verlassen, denn der Vater wollte für seinen Sohn immer das Beste und hielt daher alles Böse und Schlechte von ihm fern. 

So sollte Mehe auch nichts über den Tod erfahren. Die Diener im Palast und die Freunde, die im Palast zu Besuch waren, durften nichts Schlechtes von der Welt erzählen und auch nichts über den Tod berichten. So vergingen die Jahre, in denen der Junge zu einem hübschen Mann heranwuchs und bald heiraten sollte. Da der Vater ein bekannter Prinz war, hatte er für seinen Sohn die schönste und klügste Frau des Landes gefunden und veranstaltete für das junge Paar im Palastgarten ein großes, prunkvolles Hochzeitsfest. Bis dahin hatte Mehe bereits ein glückliches und unbeschwertes Leben - aber mit seiner Frau war es noch viel schöner.
Eines nachts kamen einige Freunde, um Mehe im Palast zu besuchen. Sie saßen lange zusammen, unterhielten sich und tranken Wein. Erst in der Morgendämmerung machten sich die Freunde auf den Heimweg und Mehe begleitete sie noch bis zum Eingangstor des Palasthofes, um sie dort zu verabschieden. Als Mehe in den Palast zurückgekehrt war, schlief seine Frau im Bett des gemeinsamen Schlafgemachs. Da sprach der junge Prinz zu seiner Frau: “Liebste, wach auf, es wird schon hell!” Seine Frau aber regte sich nicht und schlief weiter. Der Prinz wiederholte seine Forderung noch energischer, doch seine Frau reagierte noch immer nicht. So ließ er sie in Ruhe, legte sich zu ihr und schlief ebenfalls ein. 
Am späten Morgen wachte Mehe auf, als die Sonne durch das Fenster schien und das Zimmer mit ihren kräftigen Strahlen erhellte. Noch etwas müde von der langen Nacht, versuchte er wieder, seine Frau zu wecken. Seine Frau aber wachte nicht auf. Der junge Prinz unternahm verschiedene Versuche, seine Frau aufzuwecken. Er küsste sie zärtlich, sprach zu ihr, sang ein Lied und kitzelte sie mit einer Feder, aber sie regte sich noch immer nicht. 
Am Mittag kamen die Freunde von Mehe wieder zu Besuch in den Palast. Nachdem er seine Freunde empfangen hatte, fragte der eine nach dem Befinden seiner Frau: “Mein Freund, was ist mit deiner Frau, hat sie sich gut von der langen Nacht erholt?!” Mehe aber antwortete: “Freunde, meine Frau schläft seit dem Morgengrauen. Ich habe alles versucht, um sie zu wecken, doch sie wacht nicht auf.” Da waren die Freunde sehr erstaunt und erwiderten ihm gemeinsam:  “Mehe, deine Frau schläft noch?!”
Sie gingen  alle zusammen zum Schlafgemach, um nach dem Befinden der Frau zu sehen. Sie lag noch immer regungslos im Bett und die Freunde stellten nun fest, dass sie bereits gestorben war.setrübt sprachen die Freunde zu dem jungen Prinzen: “Mehe, deine Frau ist tot!” Mehe aber verstand seine Freunde nicht und fragte erstaunt: “Aber Freunde, was hat es mit diesem Tod auf sich, was hat das zu bedeuten und wann wacht meine Frau endlich wieder auf!”
Da klärten die Freunde den Prinzen auf, und einer von ihnen trat an Mehe heran, legte die Hand  tröstend auf seine Schulter und sprach: “Mein lieber Freund und Prinz, Gott hat den Engel Gabriel geschickt, um die Seele deiner Frau mit in den Himmel zu nehmen. Später kommen die Priester und waschen ihren Körper, legen sie in einen Sarg, geschmückt mit den schönsten Blumen des Landes und sprechen zu ihr ein Gebet. Dann wird der Sarg mit der Palastkutsche von allen Menschen, die deine Frau liebten, zum Friedhof begleitet. Der Sarg wird im Mausoleum der Familie aufgestellt, damit alle von ihr Abschied nehmen können. Danach machen sich alle wieder auf den Heimweg - nur deine Frau bleibt dort zurück.”
Nun ist Mehe sehr traurig und fragt betroffen: “Freunde, ist es wahr, meine Frau kommt nie wieder zurück?” “Ja Mehe, es ist wahr, deine Frau lebt nicht mehr, sie kommt nie wieder zurück”, antworteten die Freunde. Da fragte Mehe mit trotzigem Tonfall etwas zweifelnd: “Freunde, werde auch ich eines Tages sterben und nie wieder hierher zurück kommen?!” Seine Freunde erwiderten überzeugend: “Aber ja, Mehe, auch du wirst irgendwann sterben und nie wieder zurückkehren. Jeder Mensch wird geboren, leben und auch sterben. Nur Gott und die Engel bleiben ewig.”

Nach der Beerdigung seiner Frau und einigen Tagen nachdenklicher Stimmung wurde ihm bewusst, dass er seine Frau wahrscheinlich nie wieder sehen würde und dass auch er eines Tages sterben müsste. Da war er plötzlich entschlossen, sich auf die Suche nach der Ewigkeit zu machen. Er wollte eine Möglichkeit finden, den Tod zu verhindern, damit er ewig und glücklich leben könnte. Seine Familie, seine Freunde und viele andere Menschen, die ihn liebten, flehten ihn an, zu bleiben, aber Mehe ließ sich nicht aufhalten. Er packte einige Sachen für die Reise, verabschiedete sich von allen, stieg auf sein Pferd und machte sich mit seinen beiden Jagdhunden auf den Weg, um die Ewigkeit zu suchen.
Nach einigen Tagen führte ihn sein Weg  an einem See vorbei, an dem ein alter Mann saß, der mit seinen Händen Wasser daraus schöpfte. Mehe begab sich zu dem Alten ans Ufer, damit seine Tiere ihren Durst stillen konnten. Der Alte ließ sich nicht stören, aber als sich Mehe näherte, rief er dem Fremden zu: “He, Fremder, was führt dich in diese Gegend?” Mehe blieb stehen, beugte sich ein wenig von seinem Pferd zu dem Alten herunter und antwortete: “Guten Tag, alter Mann, ich bin auf der Suche nach der Ewigkeit!”
Da sprach der alte Mann zu ihm: “Gut, Fremder, dann bleib bei mir, denn bei mir gibt es den Tod nicht. Mehe war erstaunt und fragte den Alten neugierig: “Sag mal, alter Mann, wie ist es möglich, dass ich ewig bei dir leben kann?”Der alte Mann richtete sich auf und erwiderte höflich: “Schau her Fremder, ich schöpfe täglich drei Hände voll mit Wasser aus dem See. Erst, wenn ich den See leer geschöpft habe, werde ich sterben. Das wird noch eine Ewigkeit dauern.
Mehe war enttäuscht und um sich zu vergewissern fragte er: “Alter Mann, ist es wahr, wenn du den See leer geschöpft hast, so wirst auch du eines Tages sterben?!” Der alte Mann antwortete bestimmend: “Ja, Fremder, auch ich werde irgendwann sterben, aber es wird ewig dauern, denn der See ist ja noch fast voll. Da wandte Mehe sich ab, verabschiedete sich und als er sich langsam auf seinem Pferd in Bewegung setzte, sagte er: “Leb wohl, alter Mann. Da auch du eines Tages sterben musst, kann ich nicht bei dir bleiben, denn ich bin auf der Suche nach der Ewigkeit!”
Einige Tage später trifft er auf ein Huhn, das vor einem riesigen Berg Maiskörnern saß. Als Mehe sich dem Huhn näherte, fragte es ihn: “He, Fremder, was führt dich in diese Gegend?” “Guten Tag, ich bin auf der Suche nach der Ewigkeit. Vielleicht kannst du mir helfen, das ewige Leben zu finden”, antwortete Mehe. 
Das Huhn reckte erhaben seinen Hals, blickte zu Mehe empor und erwiderte gackernd: “Schau her, Fremder, ich picke täglich drei Maiskörner von diesem hohen Haufen. Erst, wenn ich alle Körner aufgepickt habe, werde ich sterben.” “So ist es wahr, auch du wirst irgendwann sterben,” fragte Mehe das Huhn. “Ja, Fremder, auch ich werde irgendwann sterben, aber es wird ewig dauern, denn der Maishaufen ist doch noch ganz hoch und reicht fast bis zum Himmel.”
Da verabschiedete sich Mehe freundlich von dem Huhn und sprach: “Leb wohl, da auch du eines Tages sterben musst, kann ich nicht bei dir bleiben, denn ich bin auf der Suche nach der Ewigkeit.”

Einige Wochen später begegnete Mehe in einem Gebirge einer riesigen Schlange, die hier in einem tiefen Tal lebte. Als  Mehe mit seinen Tieren den steilen Weg ins Tal hinabstieg, begannen die Jagdhunde plötzlich zu bellen, da sie vor der Schlange erschraken, die sich lautlos näherte und direkt vor ihnen auf dem Weg tänzelte. 
Die Schlange aber beruhigte die Fremden und sprach zu Mehe: “He, Fremder, was führt euch in diese Gegend, habt ihr euch verirrt?” “Guten Tag, ich bin auf der Suche nach der Ewigkeit. Vielleicht kannst du mir helfen, das ewige Leben zu finden, antwortete Mehe gefasst.
Die Schlange hob ihren Körper, schlängelte geschmeidig auf Mehe zu und erwiderte zischend: “Schau her, Fremder, einmal im Jahr wechsele ich meine Haut. Erst, wenn das ganze Tal voll mit meinen Häuten ist, werde ich sterben.” “So ist es wahr, auch du wirst eines Tages sterben”, antwortete Mehe enttäuscht. “Ja, Fremder, auch ich werde irgendwann sterben, aber es wird ewig dauern, bis das Tal mit meinen Häuten gefüllt ist,” sagte die Schlange. Da verabschiedete sich Mehe von der Schlange und sprach: “Leb wohl, da auch du eines Tages sterben musst, kann ich nicht bei dir bleiben, denn ich bin auf der Suche nach der Ewigkeit.”
Nach einigen Monaten beschwerlicher Reise begegnete Mehe einer geheimnisvollen Frauengestalt, die in einem Palast lebte. Ihr Name war Felek und da sie voraussah, wonach Mehe suchte, beantwortete sie sogleich seine Frage, bevor Mehe seine Stimme erheben konnte, und sprach: “Guten Tag, mein Sohn, du bist auf der Suche nach der Ewigkeit. Bei mir gibt es keinen Tod. Du kannst unter einer Bedingung ewig bei mir leben, ohne zu sterben.”
Erstaunt von dieser Begegnung erkundigte sich Mehe neugierig nach dieser Bedingung, unter der er wohl ewig leben könnte und fragte: Sag, Felek, was ist das für eine Bedingung, die es möglich macht, ewig bei dir zu leben?” “Wenn du dich entscheidest, ewig bei zu bleiben, so darfst du niemals auf den Gipfel dieses hohen Berges steigen,” erwiderte Felek freundlich. Und mit ausgestrecktem Arm zeigte sie auf den höchsten Berg, der gegenüber ihres Palastes gelegen, mit seinem Gipfel bis über die Wolken in den Himmel ragte. Da war Mehe erleichtert, willigte ein und sagte: “Gut, Felek, bei dir will ich ewig bleiben!” 

So lebten sie eine Ewigkeit gemeinsam im Palast, ohne an den Tod zu denken. Es vergingen viele Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte, in denen Mehe, sein Fohlen und seine Jagdhunde jung und kräftig blieben und zusammen glücklich waren.
Eines Tages stand Mehe an einem offenen Fenster des Palastes und betrachtete das gegenüberliegende Gebirge, das von der aufgehenden Sonne in ein faszinierendes Farbspiel getaucht wurde. Da entdeckte er seinen Jagdhund, der einen Hasen ins Hochgebirge verfolgte. Mehe rief ihm nach: “Halt, komm sofort zurück”, aber der Hund hörte ihn nicht mehr. So vergaß Mehe sein Versprechen und folgte dem Hund auf dem Weg zum höchsten Berg des Gebirges.
Als er atemlos den Gipfel erreichte und sich etwas von der Anstrengung des Aufstiegs erholt hatte, schweifte sein Blick bei klarer Sicht in die Ferne. Von hier oben konnte er herrliche Landschaften, kleine Dörfer, große Städte und viele Menschen sehen. Bei diesem Anblick überfiel ihn plötzlich das Gefühl von Sehnsucht. In diesem Augenblick kam seine Erinnerung zurück und er dachte wehmütig an seine Heimat, seine Eltern, seine Frau und an seine Freunde, die er schon so lange nicht mehr gesehen hatte.
Nachdenklich machte er sich mit seinem Jagdhund auf den Rückweg zum Palast und beim Abstieg ins Tal verfiel Mehe in eine melancholische Stimmung. Traurig ging er zu Felek und weil sie bereits ahnte, was er erlebt hatte, sprach sie zu Mehe: “Mehe, ich weiß, was dir wiederfahren ist, daher hatte ich dir verboten, auf den Gipfel dieses Berges zu steigen.”
“Ja, Felek, aber ich hatte nicht mehr daran gedacht. Nach diesem Erlebnis kann ich nicht mehr bei dir bleiben und kehre zurück in meine Heimat”, antwortete Mehe niedergeschlagen. Doch Felek flehte ihn an, zu bleiben, Mehe aber lehnte ab. Als er alles für den Rückweg vorbereitet hatte, da merkte auch Felek, dass sie ihn nicht mehr aufhalten konnte, gab ihm für die Reise drei Äpfel und sprach: “ Mehe, rieche immer an diesen Äpfeln, so bleibst du für immer jung, aber du darfst die Äpfel niemals verlieren und auch an keinen anderen weitergeben, dann wirst du dein Ziel nicht erreichen.” Mehe nahm die Äpfel, steckte sie in die Satteltasche seines Pferdes, bedankte sich bei Felek und machte sich mit seinen Jagdhunden wieder auf den Weg, den er gekommen war, zurück in die Heimat.
So führte ihn der Weg auch in das Gebirge, in dessen tiefstem Tal die große Schlange lebte. Das Tal aber war bereits bis zum Rand gefüllt mit ihren Häuten und nur eine letzte, karge Felsspitze ragte aus dem Tal empor. Darauf lag die Schlange und sie war bereits tot. Da sagte sich Mehe: “Ich habe doch gewusst, dass du irgendwann sterben würdest. Deshalb bin ich nicht bei dir geblieben” und setzte seinen Weg fort, bis er an die Stelle kam, wo der Hahn lebte.
Er sah, dass von dem riesigen Maiskornhaufen nur noch drei Körner übrig geblieben waren
und Mehe fragte den Hahn: “Guten Tag, wie geht es dir?” Der Hahn erwiderte etwas bedächtig: “Das siehst du doch, Fremder, es bleiben nur noch drei Maiskörner und die Ernte ist auch schon eingefahren. Wenn ich die letzten Maiskörner aufgepickt habe, dann muss ich sterben.”
So ging Mehe weiter und er kam bald darauf an eine große Ackerfläche, an der sich einst der See erstreckte, an dessen Ufer der alte Mann gesessen hatte. Da sah Mehe einen Bauern, der den Acker pflügte. Mehe begrüßte ihn freundlich und fragte: “He, Bauer, an dieser Stelle gab es einst einen großen See, voll mit klarem Wasser, was ist mit ihm geschehen?” Etwas überrascht von dieser Frage antwortete der Bauer mürrisch: “He, Junge, du siehst gut aus, aber es scheint, als ob mit dir etwas nicht stimmt. Ich weiß, dass mein Großvater diesen Acker bereits gepflügt hat, mein Vater hat ihn gepflügt und heute pflüge ich ihn – nie habe ich davon gehört, dass es hier jemals einen See gegeben haben soll.”
Mehe aber wusste, was sich dort ereignet hatte und setzte seinen Weg fort, bis er nach langer Reise endlich seine Heimatstadt erreichte. Da die Stadt ihr Erscheinungsbild in den vergangenen Jahrhunderten völlig verändert und sich in ihrer Größe verdreifacht hatte, fand er den Weg nach Hause nicht mehr. 
Er fragte viele Stadtbewohner nach seiner Familie, doch niemand konnte ihm darüber eine Auskunft erteilen. Als Mehe erschöpft und müde von den Strapazen der Reise aufgeben wollte, zu suchen, ließ er die Zügel seines Pferdes locker und sprach zu ihm: “Mein Pferd, bring mich zurück nach Hause, ich vertraue dir und  folge, wohin du mich führst. Da brachte ihn sein Pferd bis vor das Eingangstor eines Palastes und Mehe erinnerte sich, dass er hier vor Jahrhunderten gelebt hatte.
Mehe stieg von seinem Pferd und klopfte an das Tor, das der Besitzer  kurz darauf öffnete. Die Herren begrüßten sich freundlich, der Besitzer bat Mehe herein und nach einer kurzen Unterhaltung bereitete der Besitzer eine Mahlzeit. Als sie zusammen aßen erkundigte sich der Besitzer nach seinem Anliegen. Da sagte Mehe: “Ich erzähle euch nun eine Geschichte und danach dürft ihr mich für verrückt erklären.” “Gut, Fremder, erzähle deine Geschichte, wir werden dir zuhören,” antwortete er.
Da begann Mehe, seine Geschichte zu erzählen: “Mein Herr, der Palast in dem ihr heute lebt, gehörte einst meinem Vater und ich habe hier mit meiner Familie gelebt...” Der Besitzer aber verstand nicht, wurde etwas zornig, unterbrach ihn und sagte: “He, Fremder, was redest du denn da? In diesem Palast lebte bereits mein Urgroßvater, mein Großvater, mein Vater und heute lebe ich hier, also wie kommst du darauf, dass dieser Palast deinem Vater gehörte?”
“Gut, wenn ihr mir nicht glaubt, so werde ich es euch beweisen,” versprach Mehe. So bring uns den Beweis, Fremder und wir werden dir glauben,” antwortete der Besitzer. “Dort, an der Stelle vor dem Stall, wo mein Pferd nun steht, müsst ihr ein tiefes Loch graben und ihr werdet Sporen und Zügel meines Pferdes, sowie ein Gefäß mit Goldstücken darin finden,” versicherte Mehe.
Daraufhin wies der Besitzer seine Söhne an, vor dem Stall ein Loch zu graben. Dabei stießen sie auf einige verwitterte Gegenstände. Nachdem sie die Dinge ausgegraben und behutsam gereinigt hatten, kamen Zügel, Sporen und ein Gefäß mit Goldstücken zum Vorschein.
Da ging der Besitzer zu einem weisen Mann der Stadt und fragte ihn: “Guten Tag, weiser Mann, ist dir etwas bekannt über die Geschichte, die der Fremde verbreitet?” Und der weise Mann erzählte: “Mein Großvater hat von dieser Geschichte berichtet. Sie besagt, dass vor vielen hundert Jahren der Sohn eines Prinzen die Stadt verlassen hatte, da seine Frau plötzlich gestorben war. Traurig machte er sich mit einem Pferd und seinen Jagdhunden auf und kehrte nie wieder zurück.
Mein Großvater sagte, dass dieser junge Prinz Mehe hieß. Also, fragt ihn nach seinem Namen und ihr werdet wissen, ob die Geschichte wahr ist.” Also fragte der Besitzer den Fremden nach seinem Namen: “Sag, Fremder, wie ist dein Name?” Mehe antwortete: “Mein Herr, mein Name ist Mehe!” Da betrachteten sie Mehe erstaunt und wussten nun, dass die Geschichte der Wahrheit entsprach.
Da bot ihm der Besitzer an, zu bleiben. Mehe sollte auch bald den Palast seines Vaters bekommen. Weil sich Mehe aber zu fremd in der Stadt fühlte, wollte er zu Felek in die Ewigkeit zurückkehren, verabschiedete sich von allen und verließ die Stadt wieder auf dem Weg, auf dem der gekommen war.
Mehe befand sich also wieder auf seinem Rückweg, da ging der Erzengel Gibrail zu Gott und sprach: “Mein Vater, wenn Mehe diesmal die Ewigkeit erreichen wird, so wird er nicht sterben, sondern er wird einer von uns sein, so dass wir acht Engel sind. Da trug Gott ihm auf: “ Gibrail, bring mir die Seele von Mehe, so wird er Felek nicht mehr erreichen.”
Der Erzengel überlegte sich also eine Methode, wie er die Seele ergreifen konnte, damit Mehe nicht die Ewigkeit erreichen würde. Der Engel also nahm die Hand eines kranken Kindes und führte es auf den Weg, auf dem auch Mehe mit seinem Pferd ritt. Als Mehe an dem Engel, der mit dem Kind am Wegesrand stand, vorbeikam, fragte er den Engel: “Mein Herr, was sucht ihr hier in dieser Gegend?” Der Engel, in der Gestalt eines Derwisches, begann zu weinen und jammerte: “Ach, mein Sohn, dieses Kind ist sehr krank und braucht sofort einen Apfel, sonst wird es sterben.”
Gutmütig und aus Mitleid mit dem Kind nahm Mehe ohne zu zögern einen Apfel aus seiner Satteltasche, gab ihn dem Kind und sagte: “Mein Kind, iss diesen Apfel und du wirst wieder gesund,” verabschiedete sich und ging weiter. In dem Moment aber, als er den Apfel abgegeben hatte, wurden die Haare von Mehe plötzlich weiß, der Rücken krümmte sich, sein Augenlicht wurde schwächer und sein Gehör ließ merklich nach.
Einige Tage später sah Mehe den Engel wieder am Wegesrand stehen und der Engel fragte ihn verzweifelt: “Mein Sohn, ich habe mein Kind zu Hause vergessen und brauche noch einen Apfel von dir, sonst wird es sterben.” Mehe fragte nachdenklich: “Aber Herr, ihr habt euer Kind zu Hause vergessen? Warum kauft ihr nicht in der Stadt ein paar Äpfel auf dem Markt?”“Ich kann es nicht mehr schaffen, es ist bereits zu spät”, versicherte ihm der Engel. Also gab ihm Mehe auch den zweiten Apfel, verabschiedete sich und ging weiter. Daraufhin krümmte sich der Rücken von Mehe noch mehr und er konnte kaum noch hören und sehen.
Kurz bevor Mehe sein Ziel erreichen konnte, flehte ihn der Derwisch an, auch den dritten Apfel  abzugeben. Felek bemerkte die List des Derwisches und rief Mehe so laut sie konnte aus der Ferne zu: “Halt, Mehe, du darfst ihm den letzten Apfel nicht geben, sonst wirst du sterben!”
Mehe aber konnte nicht mehr deutlich verstehen, was sie sagte und daher fragte er den Derwisch mit gebrechlicher Stimme: “Sag, Herr, warum schreit diese Frau so laut, was hat sie gesagt?” Der Derwisch antwortete gelassen: “Fremder, die Frau sagte, dass du mir den Apfel geben sollst - du brauchst ihn nun nicht mehr, da du gleich in der Ewigkeit sein wirst. Da übergab Mehe seinen dritten Apfel und starb. Felek kam zu ihm und sang mit melancholischer Stimme ein Gebet.

 

 

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