Der Esel und der reiche Mann

von Sebastian Kortemeyer und  Hatab Omar
Mündlich überlieferte Tradition der Eziden, nach den Erzählungen von Sefer Omar

Es gab einmal einen reichen, wohlhabenden Mann, der in einem alten Dorf im Orient lebte. In dieser Zeit waren Maultiere eine sehr gute Verkehrsmöglichkeit.

Der reiche Mann brauchte für die landwirtschaftliche Arbeit seiner Bauern einen zuverlässigen Esel. So machte er sich auf den Weg in den Nachbarort, in dem es einmal in der Woche einen Tiermarkt gab. Auf diesem „Basar“ suchte er nach einem passenden Lasttier.

An diesem Tag fand er hier leider nur einen dünnen, kranken Esel, der nicht mal gut laufen konnte. Da kehrte der reiche Mann erfolglos und erschöpft von den vielen Verhandlungen zurück nach Hause und beschloss, trotzdem bald wieder zu kommen, um sein Glück zu versuchen.

Bald machte er sich wieder auf den Weg zum Basar. Doch wieder war er nicht erfolgreich, fand nur einen krankes Tier und musste, von der langen Suche ermüdet, umkehren.

Nun, nach einer weiteren Woche kam der reiche Mann wieder zum Basar, in der Hoffnung, endlich einen Esel mit nach Hause bringen zu können.

Aber leider hat er zum dritten Mal Pech. Er fand nur die Esel, die er bereits gesehen hatte.

Da murmelte er enttäuscht: „Ach, was soll ich denn nur machen?

Zum dritten Mal sehe ich nur diesen kranken Esel. Also werde ihn jetzt kaufen und das beste Futter besorgen, damit er wieder stark und gesund wird.“

So verhandelte er einen guten Preis, verabschiedete sich freundlich und  nahm den Esel mit nach Hause. Als der reiche Mann im Dorf ankam, empfingen ihn die Dorfbewohner überrascht, schüttelten verwundert den Kopf und gingen weiter.

Der reiche Mann kaufte sofort das beste Futter für den Esel, brachte ihn zum Tierarzt, damit er schnell wieder gesund werden konnte. Nun entwickelte sich der Esel sehr gut und war bald in bester Verfassung.

Nach sechs Monaten war der Esel kaum wiederzuerkennen.  Er war sogar so kräftig, dass er die schwersten Lasten tragen konnte.

Nach einiger Zeit hatte der reiche Mann durch die intensive Pflege des Tieres sein gesamtes Vermögen aufgebraucht und musste vor Hunger fast sterben.

In dieser Not bat er Nachbarn, Freunde und Bekannte um Unterstützung. Doch vergeblich.

Da erkannte der arme Mann seine aussichtslose Lage. In seiner Verzweiflung ging er zu seinem Esel und sprach: „Ich beobachte dich schon eine ganze Weile und stelle fest, dass deine Ohren keine Eselsohren sind. Sie sehen doch eher aus wie Kaninchenohren.

Und wenn ich dich so von hinten betrachte, so sind deine Beine nicht die Beine eines Esels.

Es sind doch Kuhbeine.“

So machte sich der arme Mann alle Körperteile so zurecht, bis er den Esel schlachten konnte und Rindersteak, Schweinefilet, Gulasch und Hackfleisch zubereiten konnte. Reicher wurde der Mann davon nicht.

 

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