Der Prinz und seine drei Söhne

von Sebastian Kortemeyer und Hatab Omar

Mündlich überlieferte Tradition der Eziden, nach den Erzählungen von Sefer Omar

Es gab einmal einen Prinzen, der lebte mit seinen drei Söhnen in einem großen Palast. Der jüngste Sohn hieß Mirza. Der Palast war umgeben von einem großen Garten, in dem viele verschiedene Obstbäume standen und schöne Blumen blühten.

Jeder Sohn sollte jeweils einen Tag in der Woche auf den Garten aufpassen und beobachten, ob sich ein Fremder darin zu schaffen machte.

Eines Tages, als der älteste Sohn den Garten beobachtete, hingen alle Bäume voll mit reifen Früchten und die Blumen neigten sich der Herbstsonne entgegen.

Plötzlich kam eine alte Frau an dem Garten vorbei. Angelockt von dem wunderbaren Duft der Früchte entdeckte sie den Sohn des Prinzen und fragte: „Guten Tag mein Sohn, gebt mir bitte etwas von dem reichhaltigen, köstlichen Obst für meine armen Kinder und sie werden es euch danken. Leider habe ich kein Goldstück mehr, um es zu bezahlen, aber ich werde für euch beten.“ Der Sohn aber antwortete barsch und fuhr sie an: „Was fällt dir ein Alte, verschwinde von hier und lass dich nie wieder sehen. Von mir bekommst du gar nichts!“ Da erschrak die alte Frau und flehte ihn an : „Mein Sohn, ihr habt reife Früchte im Überfluss, mehr als ihr vertragen könnt und das überflüssige Obst wird doch verfaulen. Meine Kinder brauchen es dringend, solange es noch essbar ist.“ Der Prinz aber weigerte sich und brüllte: „So verschwinde doch endlich. Mein Obst lasse ich lieber verfaulen, bevor ich es dir noch gebe.“

Da sprach die Alte einen Fluch, sodass der paradiesische Garten sofort vertrocknete. So sollte er nie wieder grün werden, bis eine Nachtigall kommen würde, um den Garten mit ihrer wunderschönen Melodie zu erfüllen.

Am nächsten Morgen kam der mittlere Sohn, um auf den Garten aufzupassen. Als er den Garten betrat, rieb er sich verwundert die Augen und sah, dass der Garten vollkommen vertrocknet war. Schnell lief er zu seinem Vater, um über das unglaubliche Ereignis zu berichten.

Der Prinz holte alle drei Söhne zu sich in den Palast und fragte sie: „Ihr müsst mir sofort erklären, wie es möglich ist, dass der Garten nicht mehr in voller Pracht existiert..“ Der ältere Sohn antwortete zerknirscht: "Vater gestern war eine alte Frau bei uns im Garten und verlangte Obst für ihre Kinder, aber ich habe sie abgewiesen. Da sprach sie einen Fluch, so dass der Garten sofort vertrocknete. Er wird erst wieder fruchtbar sein, wenn er von dem Gesang der Nachtigall erfüllt wird.“

Nun wurde der Prinz zornig und schimpfte mit seinem Sohn: „Warum hast du der alten Frau keine Früchte für die Kinder mitgegeben? Wir haben doch mehr als genug Obst.“

So traf der Prinz folgenden Entschluss und sprach zu seinen drei Söhnen: „Verlasst sofort den Palast und kehrt erst wieder zurück, wenn ihr die Nachtigall gefunden habt.“

Die drei Söhne verließen umgehend den Palast und jeder machte sich auf seinen eigenen Weg, um die Nachtigall zu finden.

Der ältere und der mittlere Sohn haben unterwegs bei einer Bauernfamilie im Pferdestall des Hofes gearbeitet, um überleben zu können.

Mirza hat ohne Pause bis zur völligen Erschöpfung nach der Nachtigall gesucht, ohne sie zu finden. Auf seinem Weg kam er an einen Brunnen vorbei. Er schöpfte Trinkwasser, löschte seinen Durst und begann endlich, etwas zu essen. In diesem Augenblick kam ein Wolf vorbei. Mirza teilte mit ihm das Essen, bis sie beide satt waren. Der Wolf fragte ihn:“ Was führt dich an diesen Ort, Junge?“ Da antwortete Mirza: „Meine Brüder und ich suchen die Nachtigall, die in unserem Palastgarten singt, damit er wieder blüht. Wenn wir die Nachtigall nicht mitbringen, dürfen wir nie wieder nach Hause zurückkehren..“ Der Wolf sagte zu Mirza: „Komm mein Freund, ich werde dir zeigen, wo die Nachtigall lebt.“

Mirza freute sich sehr und folgte dem Wolf, bis sie in der Nähe des Gartens angekommen waren, wo die Nachtigall lebte. Der Wolf empfahl Mirza, die Nachtigall nicht herauszuholen, da sie von sieben Riesen bewacht würde. Mirza ging trotzdem ohne Angst in den Garten hinein und holte die Nachtigall heraus, ohne dass ihn die sieben Riesen erwischen konnten. Auf dem Rückweg stieß er auf einen Eukalyptusbaum und sprach zu sich: „So einen Baum gibt es in unserem Garten nicht, deshalb nehme ich ihn mit.“

Als er den Baum entwurzelte, entdeckten ihn die sieben Riesen, nahmen ihn mit und sperrten ihn in einer Höhle ein. Die Riesen sagten zu ihm, dass es noch einen größeren und mächtigeren Riesen gibt. Dieser Riese hat das Schwert des Vaters. Der Riese lebt in einer Burg auf dem Ararat-Berg.

Die sieben Riesen sagten zu Mirza: „Wenn du es schaffst, dir dieses Schwert zu erobern, dann kannst du von uns die Nachtigall bekommen.“ Mirza und der Wolf machten sich auf den Weg zu dem Riesen. Als sie dem Berg bereits sehr nahe waren, sagte der Wolf zu Mirza: „Da ist die Burg, aus der du das Schwert herausholen musst. Wenn du aber noch andere Sachen mitnimmst, wird dich der Riese erwischen und dir das Schwert wieder wegnehmen.“ Mirza antwortete: „Gut, so werde ich nur das Schwert holen. Er überwand die Befestigungsanlage, drang in die Burg ein und holte sich das Schwert. Auf dem Rückweg entdeckte er einen schönen Dolch, den er auch noch mitnahm. Als er die Burg verlassen wollte, hielt ihn der Riese fest und sagte zu ihm: „Ich liebe eine Frau mit dem Namen Gule. Sie lebt bei einem Riesen auf dem Cudi-Berg. Wenn du es schaffst, sie zu mir zu bringen, dann bekommst du das Schwert zurück.“

Mirza und der Wolf machten sich wieder auf den Weg zu dem Berg, wo der Riese und Gule lebten. Als sie dorthin kamen, ging Mirza ins Schloss und fand Gule. Da fragte ihn Gule: „Was machst du hier? Der Riese ist jetzt auf der Jagd, aber er kommt am Abend nach Hause. Wenn er dich hier sieht, wird er dich umbringen.“ Mirza sagte zu Gule: „Ich bin hier, um dich mitzunehmen. Aber, wenn der Riese am Abend nach Hause kommt, musst du ihn fragen, welche Macht er besitzt und wo seine Seele wohnt.“

Am Abend versteckte sich Mirza im Schlossgarten. Der Riese kam nach hause und rief zu Gule: „ Hey Gule! Ich rieche Menschen. Wer ist dort?“ Gule antwortete: „Kein Mensch ist hier außer mir.“ Der Riese setzte sich neben Gule und verlangte nach einer Mahlzeit. Beide aßen zusammen und danach fragte Gule: „hei Riese, ich bin immer allein zu hause und habe oft Angst. Du musst mir sagen, welche Macht Du hast und wo deine Seele wohnt.“ Der Reise sagte zu Gule: „Meine Macht und meine Seele liegen in einer Dose und diese Dose liegt im Bauch eines Rehs. Dieses Reh lebt auf dem Qaf- Berg.“ Beide waren müde, gingen zu Bett und schliefen.

Am nächsten Morgen machte sich der Riese wieder auf den Weg zur Jagd und Mirza kam zu Gule. Gule wollte sofort erzählen und sagte: „Ich weiß jetzt, wo sich die Macht und die Seele des Riesen befinden. Sie stecken in einer Dose, die im Bauch eines Rehs liegt. Du musst dich beeilen, die Dose zu mir zu bringen, damit wir den Riesen töten können.“

Mirza und der Wolf machten sich sofort auf den Weg zum Qaf- Berg. Als sie dort ankamen, sahen sie das Reh auf dem Gipfel stehen. Der Wolf tötete das Reh mit einem Biss in den Hals und Mirza holte die Dose aus dem Bauch heraus. Danach kehrten sie zu Gule zurück. Gule wartete nicht lange, öffnete die Dose geschickt und entdeckte darin sieben Würmer. Sie tötete einen davon und plötzlich bekam der Riese starkes Fieber. Dann tötete sie den zweiten Wurm und der Riese wurde krank und schwach. Als sie den letzten Wurm tötete, kam der Riese nach Hause und war sofort tot.

Nun machten sich Mirza, Gule und der Wolf auf den Weg zu dem anderen Riesen, um endlich das Schwert zu holen. Sie töteten ihn, nahmen das Schwert und gingen zu den sieben Riesen zurück. Sie übergaben das Schwert an die Riesen und die gaben ihnen dafür die Nachtigall. Auf dem Heimweg suchte Mirza seine beiden Brüder, die bei einem Bauern arbeiteten. Er fand sie dort und nahm sie mit. Unterwegs fanden sie einen Brunnen, um ihren Durst zu löschen. Der ältere Bruder sagte: „Ich habe Angst, in den Brunnen zu stürzen.“ Auch der mittlere Bruder hatte Angst, in den Brunnen zu fallen. Daraufhin erklärte sich Mirza bereit, in den Brunnen hinab zu steigen, um Wasser zu holen. Als er das Wasser nach oben holte, nahmen die beiden Brüder den Wasserkrug und stießen Mirza zurück in den Brunnen. Mirza konnte sich nicht mehr aus dem Brunnen befreien und seine Brüder nahmen die Nachtigall und Gule mit auf ihren Weg nach Hause. So kamen sie endlich am Palast des Vaters an.

Nach einer freudigen Begrüßung fragte der Vater die beiden Söhne etwas nachdenklich, ob sie wüssten, wo sich Mirza aufhält. Da erwiderten die beiden Söhne sehr entschlossen: „Vater, Mirza war von Anfang an ein Taugenichts. Woher sollen wir denn wissen, wo er ist.“ Daraufhin brachten sie die Nachtigall in den Garten und warteten auf ihren Gesang. Die Nachtigall aber fing nicht an zu singen und der Garten blieb auch weiterhin vertrocknet.

In diesem Augenblick kam eine Karawane von Kaufleuten an dem Brunnen vorbei, in dem Mirza fest saß. Dort entdeckten sie auch einen Wolf, der nun zum Brunnen zurückkam. Als die Kaufleute aßen, gaben sie dem Wolf auch ein Stück Brot. Der Wolf nahm es, trug es zum Brunnen und warf es hinein. Verwundert von diesem Ereignis gingen alle Geschäftsleute zum Brunnen, schauten hinein und entdeckten ganz tief unten eine dunkle Gestalt. Da rief Mirza zu den Kaufleuten nach oben: „So holt mich doch bitte endlich herauf, damit wir mit frischem Wasser auf meine Befreiung anstoßen können." Da staunten die Kaufleute nicht schlecht und halfen dem jungen Mann, aus dem Brunnen zu klettern. Mirza bedankte sich freundlich und machte sich mit dem Wolf auf den Heimweg.

Als er bei seinem Vater angekommen war, erzählte er ihm, was sich zugetragen hatte. Der Vater wollte es kaum glauben und sprach: „Mein Sohn, was du berichtest, musst du mir beweisen.“ Da antwortete Mirza: “Komm Vater, lass uns gemeinsam in den Garten gehen.“ Kaum hatten sie den Garten betreten, begann die Nachtigall plötzlich mit einem wunderschönen Gesang und der Garten wurde wieder grün. Nun erkannte der Vater, dass es Mirza war, der die Nachtigall gefunden hatte und nicht die beiden anderen Brüder.

Von nun an mussten die beiden älteren Brüder die harte Gartenarbeit verrichten.

Der Vater gab ein großes Sommerfest und alle Gäste aßen, lachten und tanzten im Garten bis zum nächsten Morgen.

Mirza, Gule und der Wolf konnten für immer im Palast bleiben und glücklich miteinander leben.

 

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