"Die Fabel vom Fuchs und der Schildkröte" von Moustafa Rechid

aus "Kurdische Märchen für Kinder" von Moustafa Rechid

Ein Fuchs und eine Schildkröte haben sich gerade miteinander befreundet. Sie haben beschlossen, von nun an gemeinsam nach ihrer täglichen Mahlzeit zu suchen. Der Fuchs sagte: Bei der Suche nach unserer Nahrungfuchs1 müssen wir stets mit Gefahren und Schwierigkeiten rechnen. Ich hoffe, dass Du listig genug bist, um uns dann aus der Patsche zu helfen. 
Die Schildkröte antwortete: Ich kenne nur drei Arten von List. Wie viele hast du denn Fuchs?
Der Fuchs sagte: Einen Fuchs fragst du nach List und Schläue? Diese sind bei uns Füchsen unbegrenzt.
Die Schildkröte sagte: Oh, das ist gut.

Sie gingen weiter und kamen zu einem Weinberg, dessen Stöcke voll von süßen Trauben hingen. Der Weinberg war durch einen hohen Zaun vor fremden Eindringlingen geschützt. Sie liefen am Zaun entlang, um einen Eingang oder eine schadhafte Stelle darin zu finden, um in den Weinberg zu gelangen. Endlich entdeckten sie was sie suchten. Ein Loch unter dem Zaun, durch das sich der Fuchs bequem durchzwängen konnte. Für die Schildkröte war dieser Eingang weniger geeignet, da es auf der anderen Seite steil hoch ging. So beschlossen sie, dass der Fuchs zuerst in den Weinberg gehen sollte, dort nach einer Möglichkeit für die Schildkröte sucht, ihr den Weg zu ebnen oder falls dies nicht möglich sei, der Schildkröte die Trauben mitzubringen. Der Fuchs schlüpfte behende durch das Loch im Zaun. Doch kaum als er sich den ersten Trauben näherte, trat er in eine eiserne Falle. Diese schnappte blitzschnell zu, und sein rechtes Hinterbein blieb darin hängen. Vor Schmerz und Schreck schrie er laut auf. 
Er sah die Schildkröte vor dem Zaun stehen und rief ihr zu: Hilf mir bitte, hilf mir, was soll ich nur tun?
Da sagte die Schildkröte: Du verfügst doch über Listenreichtum und Schläue. Mache dir nun etwas davon zunütze, um dich aus der misslichen Lage zu befreien. Der Fuchs sagte: Mein Bein tut so weh, dass ich nicht mehr denken kann. Mir fällt keine List ein, ich habe alles vergessen.So hilf mir doch bitte, mein Bein aus dieser eisernen Falle zu befreien.
Die Schildkröte überlegte kurz, dann sagte sie: Pass auf! Ich verstecke mich hier im Gebüsch, und wenn der Wächter des Weinbergs kommt, stellst du dich tot. Er wird die Falle öffnen, dich herausnehmen und die Falle wieder neu spannen. Sobald er wieder verschwunden ist, läufst du schnell weg. 
Als der Wächter kam, tat der Fuchs so wie die Schildkröte ihm geheißen hatte. Der Wächter fand den Fuchs reglos vor und freute sich darüber.  Wieder einer dieser garstigen Räuber weniger, dachte er bei sich. Er öffnete die Falle, wie die kluge Schildkröte vorausgesagt hatte, und warf den Fuchs in das nächste Gebüsch. Du hinterlistiger Fuchs hast dein Schicksal verdient, dachte er bei sich.
Kaum war der Wärter nicht mehr zu sehen, humpelte der Fuchs so schnell er konnte.

Am nächsten Tag, kurz nach Anbruch der Dämmerung, kamen Fuchs und Schildkröte zurück, um erneut nach einer geeigneten Stelle zu suchen, um zu den Trauben zu gelangen.
Wieder fanden sie eine Stelle, die eher für den Fuchs passend war. Dieser schlüpfte aufs Neue durch den Zaun. Kaum hatte er die andere Seite erreicht, sprang wieder eine Falle zu, und sein linkes Hinterbein blieb darin hängen. 
Der Fuchs schrie auf vor Schmerz und Wut. Schildkröte, bitte hilf mir, was soll ich nur tun?
Die Schildkröte sagte: Du verfügst doch über Listenreichtum und Schläue. Mache dir nun etwas davon zunütze, um dich aus deiner misslichen Lage zu befreien.
Der Fuchs sagte: Mein Bein tut so weh, dass ich nicht mehr denken kann. Mir fällt keine List ein, ich habe alles vergessen.Bitte hilf mir, mein Bein auch dieses Mal wieder aus der eisernen Falle zu befreien.
Die Schildkröte sagte: Wir können den Wächter nicht mit der gleichen List wie gestern an der Nase herumführen. Er würde nicht mehr darauf hereinfallen. Ich glaube, mir fällt gerade etwas ein. 
Die Gräfin hat einen zahmen Fuchs, der von den Dorfbewohnern geschont wird. Aus Achtung und Furcht vor ihr, traut sich keiner, ihm etwas zu Leide zu tun. Wenn morgen früh der Wächter kommt, sollst du mit dem Schwanz wedeln und dich so zahm benehmen, als seiest du der geliebte Fuchs der Gräfin. Er wird dir dann deine Freiheit wiedergeben. Ich werde vor dem Zaun auf dich warten.
Als am nächsten Tag der Wächter kam, tat der Fuchs so wie die Schildkröte ihm geheißen hatte. Er benahm sich so, als sei er der zahme, geliebte Fuchs der Gräfin.
Dem Wächter fuhr der Schreck in die Glieder. Vorsichtig löste er die Falle, hob den Fuchs heraus, streichelte ihn und gab ihm reuevoll seine Freiheit wieder.

Obwohl Fuchs und Schildkröte bereits zweimal Pech bei der Nahrungsbeschaffung hatten, trieb sie der Hunger zu einem dritten Versuch. 
Nach Anbruch der Dämmerung schlichen sie wieder zum Zaun, um nach einer undichten Stelle zu suchen. Dieses Mal war für die Schildkröte ein besseres Durchkommen. Jedoch, kaum war sie auf der anderen Seite, kam auch sie in eine Falle und blieb mit dem Hinterbein darin hängen.
Der Fuchs war sich ziemlich sicher, dass auf diesem Weg keine weitere Falle zu erwarten war und kroch nun auch unter dem Zaun durch. 
Er lief zu der Schildkröte und sagte: Na, wie hilfst du dir jetzt? 
Sie sagte: Oh je, ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr denken, diesmal musst du mir mit einer List von dir helfen.
Der Fuchs sagte: Wenn ich etwas wüsste, hätte ich mich wohl schon die letzten Male selbst befreit. Mir fällt dazu nichts ein. Sprach es, ging in den Weinberg und fraß sich an den Trauben satt. Danach kam er mit dickem Bauch zurück zu der Schildkröte und sagte: Ich fürchte dein Ende ist gekommen. Jetzt bin ich satt, aber morgen brauche ich wieder etwas. Aber dieses Mal eine Fleischmahlzeit. Ach ja, bevor ich gehe, sage mir noch wo dein Haus liegt?
Die Schildkröte erwiderte: Was willst du in meinem Haus? Ich könnte vielleicht auf deine Kinder aufpassen und für sie sorgen, meinte der Fuchs. 
Die Schildkröte: Du hilfst mir nicht und sagst gleichzeitig, dass du für meine Kinder sorgen willst?. Ich weiß, was du im Schild führst. Du willst hingehen und sie fressen.
Der Fuchs entgegnete: Da sie ohne dich nicht überleben werden, ist es doch egal. Sterben werden deine Kinder so oder so. 
Das bedeutet also für dich Freundschaft, du hinterhältiger Fuchs, dachte die Schildkröte bei sich. Zum Fuchs aber sagte sie: Eigentlich hast du Recht, warum sollten meine Kleinen qualvoll an Hunger sterben. Wenn du sie frisst, müssen sie nicht lange leiden. Ich sage dir, wo mein Haus ist. Aber damit es kein anderer hört, muss ich es dir ins Ohr flüstern.
Der Fuchs kam ganz dicht an die Schildkröte heran und hielt sein Ohr an ihr Maul. In diesem Augenblick schnappte die Schildkröte nach dem Ohr und zog es mit ihrem Kopf in den Panzer ein. Nun saß der Fuchs in der Falle.
Er jammerte erbärmlich und versprach der Schildkröte die Erfüllung aller ihrer Wünsche, wenn sie ihm nur sein Ohr wieder geben würde.  Jedoch die Schildkröte blieb unerbittlich. Sie behielt den Fuchs in seinem Gefängnis bis am anderen Tag der Wächter in den Weinberg kam. fuchs10
Dieser erkannte sofort den Fuchs als Übeltäter und drosch zur Strafe mit einem langen Stock auf ihn ein. 
Dann befreite er vorsichtig die Schildkröte aus der Falle und sagte zu ihr: Da du für mich den Fuchs gefangen hast, sollst du zur Belohnung den Weinberg bekommen. Wann immer du willst, kannst du hierher kommen und dich an den Trauben satt essen. 
Der geprügelte Fuchs jedoch zog den Schwanz ein, schlich sich davon und ward nie mehr gesehen.

 

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