Gesellschaft für bedrohte Völker - Eine Stimme für die, die keine haben

von Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der GfbV

Die Entstehung der GfbV

Die Menschenrechtsarbeit der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) begann 1968: Damals gründeten die Studenten Tilman Zülch und Klaus Guercke in Hamburg die "Aktion Biafra-Hilfe" und rüttelten die deutsche Öffentlichkeit auf: Sie selbst hatten erleben müssen, wie im Biafra-Krieg Hunger als Waffe eingesetzt wurde.


Durch das Elend gingen mehr als zwei Millionen Ibos zu Grunde. Die Sowjetunion und Großbritannien wurden durch ihre Rüstungslieferungen mitschuldig an diesem Völkermord.

1970 entstand aus der "Aktion Biafra-Hilfe" die "Gesellschaft für bedrohte Völker" (GfbV). Zugleich wurde auch die Zeitschrift "pogrom" ins Leben gerufen. Inzwischen ist die GfbV nicht nur in Deutschland, sondern mit Sektionen, Büros und Repräsentanten auch in Luxemburg, der Schweiz, Österreich, Italien ( in Bozen in der Autonomen Region Südtirol), Bosnien-Herzegowina, Chile, Großbritannien, Kurdistan/Irak, im Kosovo, in den Niederlanden und den USA vertreten. Sie alle sind in der GfbV International zusammengeschlossen. Seit 1993 hat die GfbV international als Nichtregierungsorganisation NGO beratenden Status beim Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) der Vereinten Nationen (UN) und seit 2001 mitwirkenden Status beim Europarat.

Immer wieder musste die GfbV gegen den Strom schwimmen: 1979 bis 1981 haben wir den bis dahin tabuisierten Holocaust an Sinti und Roma international bekannt gemacht. Schon 1977/78 organisierten wir die beiden ersten großen Europarundreisen für indianische Delegierte aus 16 amerikanischen Staaten. Auf die drohende Vernichtung der Yanomami-Indianer im Amazonasgebiet Brasiliens wurde die Welt in den 80-er und 90-er Jahren erst durch Aufsehen erregende Aktionen von GfbV-Aktivisten aufmerksam. Unsere Recherchen überzeugten Bundes- und Verwaltungsrichter Ende der 80-er Jahre von der kollektiven Verfolgung der kurdischen Yezidi und christlichen Assyrer in der Türkei. Deutsche Firmenmanager wurden festgenommen, nachdem wir aufgedeckt hatten, dass sie zum Aufbau einer Giftgasindustrie im Irak beigetragen hatten. Zehntausende Kurden waren während der Anfal-Offensive unter Saddam Hussein durch den Einsatz der chemischen Kampfstoffe qualvoll ums Leben gekommen.

Die GfbV, Kurden und Kurdistan

Seit fast vier Jahrzehnten engagiert sich die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) für die Durchsetzung der Menschenrechte in den vier kurdischen Regionen. Kontinuierlich haben wir die Verbrechen an den Minderheiten und Nationalitäten an Kurden sowie an den mitwohnenden Volksgruppen und Religionsgemeinschaften, wie der Yeziden und der christlichen Assyro-Chaldäer, dokumentiert. Der fortgesetzte Genozid und die Massenvertreibungen im Irak, die Verfolgung und Unterdrückung der Kurden in der Türkei, in Syrien und im Iran haben wir in acht Büchern, in Sonderausgaben unserer Zeitschrift pogrom, mit Menschenrechtsreporten und ungezählten Pressemitteilungen und Interviews, auf Pressekonferenzen bekannt gemacht. Wir holten kurdische Kontingentflüchtlinge in die Bundesrepublik, erwirkten ihre Anerkennung, vermittelten humanitäre Hilfe und initiierten den Wiederaufbau zerstörter Dörfer im Nordirak. Wir setzten deutsche Waffenlieferanten unter Druck und verhinderten in unzähligen Fällen die Abschiebung von Kurden in Kriegs- und Genozidregionen. Hier möchte ich auf konkrete Beispiele eingehen.

GfbV gegen Waffenlieferungen in den Irak

Schon 1970 protestierte die GfbV gegen die Lieferung der Panzerrakete Cobra durch “Messerschmitt-Bölkow-Blohm” (MBB) an Bagdad. 1975 wandten wir uns ebenfalls gegen Waffenlieferungen der UdSSR und der DDR, als die irakische Armee die kurdische Widerstandsbewegung Mustafa Barzanis dank der Vermittlung Kissingers zwischen Irak und Iran zerschlagen konnte. 1980 demonstrierte die GfbV gegen den Export deutsch-französischer Alphajets an den Irak.

1987 beschuldigte die GfbV die Firmen Karl Kolb und Pilot Plant, beim Aufbau der irakischen Giftgasindustrie eine führende Rolle gespielt zu haben und Mitverantwortung für die Vernichtung kurdischer und assyro-chaldäischer Dörfer zu tragen. Im selben Jahr, ein Jahr vor dem Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabja, erließ das Bonner Landgericht deshalb eine einstweilige Verfügung gegen die GfbV mit einer Strafandrohung von zweimal 500.000 DM ersatzweise zwei Mal ein halbes Jahr Haft. 1988 wiederholte die GfbV ihre Behauptung gegen Kolb und Pilot Plant und berief sich dabei auf die “Jerusalem Post". Das Oberlandesgericht in Köln hob die Verfügung gegen uns auf. Sechs Tage nach einer GfbV-Demonstration vor den Firmengebäuden im hessischen Dreieich werden die Geschäftsführer der Unternehmen verhaftet. GfbV-Beiratsmitglied Gwynne Roberts drehte einen Film über die Folgen der Giftgasangriffe in Halabja. In den Jahren 1987 bis 1989 haben wir wiederholt gegen Ausbildungshilfe für irakische Offiziere an den Bundeswehrhochschulen entdeckt und protestiert.

1989 organisierte die GfbV eine Pressekonferenz mit Giftgasspezialisten aus den USA, GB und NL anlässlich einer internationalen Chemiewaffenkonferenz in Paris. 1990 drangen die GfbV-Mitarbeiter Alexander Sternberg und Tilman Zülch in Geheimlager der Firma MBB ein und stellen vor laufenden Kameras während des Irak-Embargos frisch gepackte Pakete mit Ersatzteilen für Kampfhubschrauber der irakischen Armee sicher. 1991 während des Golfkrieges flog eine Delegation der GfbV nach Israel. In Jerusalem musste sie dort Angriffe irakischer Scudraketen Angriffe erleben. Mit israelischen Augenzeugen veranstaltete die GfbV in Bonn anschließend eine viel beachtete Pressekonferenz.

Kurdische Flüchtlinge werden in den Bergen versorgt

Als Saddam Hussein 1987 bis 1988 unter Einsatz chemischer Waffen gegen Kurden und assyro-chaldäischen Christen vorging, flohen Zehntausende in die Berge und in Nachbarländer. Mehrere jahrelang versorgte die GfbV dank der Hilfe von NRW die Lager der Giftgasflüchtlinge mit humanitärer Hilfe. Als nach der Niederschlagung des kurdischen Aufstandes Millionen kurdische Zivilisten in die Türkei flüchteten, versorgte unsere GfbV-Delegation 50.000 hungernde und frierende kurdische und unter ihnen auch christliche Flüchtlinge das Lager Üzümlü auf 2000 m Höhe mit Nahrungsmitteln und Medikamenten für 14 Tage bis zum Eintreffen der internationalen Hilfe. Gleichzeitig lief eine Protestaktion in ganz Deutschland. Unter anderem besetzten assyrisch-christliche Familien gemeinsam mit GfbV-Mitarbeitern für mehrere Tage den Kölner Dom zum Zeichen internationalen Protests gegen die Unmenschlichkeit.

Internationale Anerkennung und Unterstützung für Irakisch-Kurdistan

Schon in den 70-er Jahren, als eine von der DKP gesteuerte Kampagne linksdogmatischer Organisationen gegen die Widerstandsbewegung Mustafa Barzanis angelaufen war, trat die GfbV ihr in vielen Medien und an Universitäten entgegen. Ebenso entschieden bekämpften wir später die Erklärungen rechtsorientierter Politiker für Saddam Hussein.

In den Jahren 2000 – 2003 hat die GfbV den Völkermord an den irakischen Kurden und mit ihnen wohnenden Christen und Yeziden, aber auch an Turkmenen, Shiiten, Marscharabern und politischen Gegnern dokumentiert und publiziert. Wir haben uns dann für die Rechte der Assyro-Chaldäer im Bundesstaat Kurdistan eingesetzt und gemeinsam mit yezidischen Vereinigungen ein Memorandum zu deren Verfolgungssituation in der Türkei und anderen Ländern veröffentlicht. Wir sind den Falschaussagen des deutschen Orientinstituts im Interesse der kurdischen und christlichen politischen Flüchtlinge entgegen getreten.

Nach der Errichtung der Schutzzone im Nordirak (1991) initiierte den Wiederaufbau von mindestens 32 Dörfern für Überlebende von Saddams Anfal-Operation. Auch im Ausland war die GfbV maßgeblich an der Unterstützung für Irakisch-Kurdistan beteiligt, u.a. am Aufbau einer Vertretung bzw. eines Büros für die irakischen Kurden. Die GfbV-Mitglieder, Maria und Dr. Saleh Sido, hatten Jahre hindurch die Arbeit des “Kurdenbüros” in Bonn personell und finanziell gesichert.

Für die Kurden in anderen Teilen Kurdistans

Kontinuierlich inszeniert die GfbV Medienberichte und Protestinitiativen gegen die Kurdenverfolgung in der Türkei. In der Hauptstadt Türkisch-Kurdistans Diarbakir erregte ein Auftritt von Fadila Memisevic, Direktorin der GfbV-Bosnien, für die inhaftierte kurdische Parlamentsabgeordnete Layla Zana ein Eklat in den türkischen Medien. Ohne Freilassung der 4.000 kurdischen politischen Gefangenen und Rückkehr der vertriebenen zwei Millionen Kurden, so die GfbV, darf es keinen türkischen EU-Beitritt geben. Regelmäßig verfolgen wir die Situation der Assyro-Aramäer in der Türkei und machen Menschenrechtsverletzungen bekannt. Wiederholt versuchten wir die Hinrichtung kurdischer Bürgerrechtler im Iran zu verhindern.

Zuletzt, am 21. April 2007, organisierten wir gemeinsam mit der Friedrich-Naumann-Stiftung eine Tagung zu “Lage der Kurden in Syrien” mit erfreulichem Medienwiderhall.

 

 

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