"Die Massaker gegen die Yezidi 1891/1892" von Johannes Düchting

Soweit sich die Geschichte der Yezidi zurückverfolgen läßt, ist sie eine Geschichte von Verfolgungsfeldzügen und “Strafexpeditionen” gegen sie. “Die Verfolgungen gingen von folgendem Prinzip aus: der Krieg ist das Mittel und die Massaker sind die Konsequenz daraus.” Yezidi selbst sprechen oftmals von 72 Vernichtungskriegen oder Genoziden, die ihnen gegenüber begangen worden sind. Einer der folgenreichsten Feldzüge war der Vernichtungsfeldzug im Osmanischen Reich in den Jahren 1891/92. Zeitweise hatte es den Anschein, dass durch ihn das Ende der damals kaum viel mehr als 100.000 Menschen zählenden Religionsgemeinschaft gekommen sei.

Im Frühjahr 1891 erschien in Mossul eine aus einem Offizier und zwei moslemischen Mullahs bestehende Delegation aus Istanbul, die die Botschaft brachte, der 0smanische Sultan Abdul Hamid II (1876 – 1909) habe beschlossen, dass die Yezidi moslemischen Ursprungs seien und zum “wah­ren” Glauben zurückkehren müssten. Dieses sei die einzige Möglichkeit des Überlebens.  Gleichzeitig wurden die Yezidi daran erinnert, dass die Wehrsteuer der beiden letzten Jahre nicht gezahlt worden sei. Die Yezidi versuchten nunmehr, Hilfe durch die europäischen Ge­sandten und Missionare im Nahen Osten zu erhalten. Diese unternahmen aber so gut wie nichts zur Unterstüt­zung der Yezidi, sondern stellten lediglich Überlegungen an, wie man die Yezidi christianisieren könne.

Im Juli 1891 zitierte man die Yezidi-Führung nach Mossul, wo man ihnen die Beschlüs­se mitteilte. 22 Yezidi-Führer, darunter der Emir Mirza Beg, wurden gezwungen, die verhasste blaue Uniform der türkischen Armee anzuziehen.

Im Juli 1892 verlangte General Omar Vahbi Pasha, der seinerzeit die Herrschaft in Mesopotamien innehatte, da der Posten des türkischen Gouverneurs vakant war, dass die Yezidi den islamischen Glau­ben oder zumindest eine der vom Koran geduldeten Buch-Religionen annehmen müssten; an­sonsten werde er sie vernichten. Um seine Warnung zu unterstreichen sandte der General eine Expedition in das Sinjar-Gebirge, die dort zehn Yezidi ermordete und 35 verwundete. Gegenüber den Yezidi der Sheikhan-Region sprach der General die Drohung aus, er werde sämtliche Bewohner töten und ihre Köpfe nach Mossul bringen lassen.

Daraufhin kam Emir Mirza Beg mit einer Delega­tion von 40 Yezidi-Führern nach Mossul. Dort trat am 19. August 1892 die Provinzversamm­lung zusammen (in der auch die Christen vertreten waren), vor der Omar Vahbi die Yezidi er­neut unter massiven Drohungen zum Übertritt zum Islam aufforderte. “Als der Pasha sah, daß sie standhaft  an ihrem Glauben festhielten, begann er, sie zu foltern und sie ins Gefängnis zu werfen, so daß einige starben, andere flohen und eini­ge, aus Angst vor diesen Foltern und einem schmerzhaften Tod, den islamischen Glau­ben akzeptierten.”

Ein Viertel der anwesenden Yezidi-Führer weigerte sich standhaft, zum Islam zu konvertieren; der Rest – darunter auch der Emir Mirza Beg – sprach die Worte des moslemischen Glau­bensbekenntnisses. Der “überglückliche” Omar Vahbi Pasha telegrafierte nun in die Hauptstadt Istanbul, mehrere tausend Yezidi-Familien (nach seiner – um seinen “Erfolg” noch größer zu machen wohl weit übertriebenen – Schätzung insgesamt 1,1 Millionen Menschen) seien Mos­lems geworden. Mirza Beg und seinem Bruder Badi Beg wurde für ihren Übertritt ein jährli­ches Gehalt von 2.000 Piastern zugesichert und der Titel eines “Pasha” verliehen.

Mirza Begs Bruder Ali Beg – der 1879 auf den Emir-Titel verzichtet hatte – war aber nicht zum Religionswechsel bereitl; er wurde inhaftiert und im Gefängnis gefoltert.

Unterdessen hatten sich über 100 Yezidi, darunter auch zahlreiche religiöse Führer, in einer Petition an den französischen Vizekonsul Siouffi gewandt und diesen um Hilfe gebeten, wobei man auch andeutete, dass die Yezidi bereit seien, dem Beispiel der Shamsiye in Mardin zu folgen, die unter ähnlichen Umständen zur christlichen Buchreligion konvertiert waren, um nicht Moslems werden zu müssen, und zum Christentum zu konvertieren. Siouffi erklärte, er werde sein bestes tun. Er be­ließ es aber bei einer Ermahnung des inzwischen mit ihm befreundeten türkischen Generals; vierzehn Tage später erhielt er von der französischen  Botschaft in Istanbul den Befehl, sich aus “der Yezidi-Affäre” herauszuhalten.

Zwar kam im September 1892 der neue Gouverneur Osman Pasha in Mossul an, er traute sich aber nicht, den Machenschaften des Generals Omar Vahbi Pasha ein Ende zu setzen. Dieser sandte Mitte September 1892 eine aus mehreren hundert Soldaten bestehende “Straf”expedition unter seinem Sohn Assem Bey in das Sheikhan-Gebiet. Zahlreiche Dörfer wurden zerstört und ausgeraubt; die Ziyarets (Heiligengräber) wurden niedergerissen. In einem Dorf wurde ei­ne Gruppe junger Mädchen, die sich – um einer Vergewaltigung durch die Soldaten zu entge­hen – in ein Getreidefeld geflüchtet hatte, bei lebendigem Leibe verbrannt. Etwa 300 bis 400 Yezidi wurden insgesamt umgebracht, weitaus mehr wurden gefangen genommen. Hunderte junge Frauen wurden weggeschleppt, um auf den Sklavenmärkten verkauft zu werden. Andere Frauen und Mädchen wurden zwangsweise mit den Soldaten verheiratet. “Dann versammelte er ihre Kinder und brachte sie mit einem Mulla in die Moschee, damit sie den moslemischen Glauben lernten. Und er befahl, daß sie an jedem Tag fünf mal zu den Gebeten anwesend sein sollten und daß sie sich bei den angeordneten Wa­schungen waschen sollten.”

Die Überlebenden flohen unter Leitung von Alias Khallu und des Kochak Mirza Kabari zu den Glaubensgenossen ins Sinjar-Gebirge. Hier begannen sie, die Yezidi gegen die moslemische Unterdrückung zu mobilisieren, wobei insbesondere Mirza Kabari vom Kommen eines neuen yezidischen Reiches predigte.

Auch das Heiligtum des Grabes Sheikh Adis in Lales wurde von den Truppen Omar Vahbis besetzt. Der General ließ das Heiligtum plündern. Das dort aufbewahrte allerheiligste Sinjac wollte er nach Mossul schicken lassen. Ebenso “konfiszierte” er zahlreiche Kultgegenstände (darunter mehrere Bronze-Statuetten des Engel Pfau und Gegenstände, die von einer Reihe von Heiligen stammen sollten), da diese sich “im kaiserlichen Museum sehr gut machen würden”. Auf geheimnisvolle Weise verschwanden diese Gegenstände aber bereits im Hauptquartier des Heeres. Die “Heiligen Bücher”, derer man ebenfalls habhaft werden wollte, konnte man aber nicht finden. Innerhalb des Heiligtums von Sheikh Adi installierte Omar Vahbi eine islamische Lehranstalt (medrese).

Bis Ende September 1892 zerstörten die osmanischen Truppen, die hierbei auch durch die arabischen Shammar und kurdische “Hamidiye”-Hilfstruppen unterstützt wurden, weitere Dörfer und zahlreiche yezidische Heiligengräber. Die Benutzung des Wortes “Yezidi” ließ Omar Vahbi verbieten. Die Gefangenen ließ er das Wort “Seytan” sprechen, wobei viele Yezidi – als letzte Möglichkeit, so ihren Widerstand kundzutun – das Wort wie “Sultan” aussprachen. Auch wurden die Yezidi gezwungen, am moslemischen Freitagsgebet teilzunehmen.

Im Oktober 1892 wandten sich Omar Vahbi und die Truppen seines Sohnes Assem dem Sinjar-Gebirge zu. Mit einem Trick konnten hier die Yezidi das schlimmste verhindern: Mit dem Versprechen, man werde ihnen die Wege zu den höher gelegenen Dörfern zeigen, erreichten es die Bewohner der tiefer gelegenen Dörfer, dass man sie verschonte. In der Nacht überfiel man aber die osmanischen Truppen; mehrere hundert Soldaten wurden getötet.

In der Zwischenzeit hatte man in Istanbul von den Exzessen Omar Vahbis erfahren. Seitens der europäischen Konsuln und Missionare wurden Proteste gegen das Vorgehen des Generals ein­gelegt. Am 9. Dezember 1892 entzog Sultan Abdul Hamid daraufhin dem General unter dem Vorwurf, er habe die Truppen ohne die Erlaubnis des Sultans gegen die Yezidi geführt, die Führung der Truppen in der Provinz Mossul. Anfang 1893 wurde der General nach Istanbul zitiert. Hier fiel er in Ungnade, ironischerweise allerdings nicht wegen seiner Untaten, sondern deswegen weil sein Sohn Assem – im Glauben, es handle sich um einen Yezidi-Schrein – auch das Grab eines Nachfahren Mohammeds zerstört hatte.

Die Situation im Sinjar und Sheikhan blieb aber weiterhin spannungsgeladen. Die Shammar weigerten sich, das den Yezidi geraubte Vieh an diese zurückzugeben. Der Kochak Mirza rief zum Krieg gegen die Moslems auf und sagte das nahe Ende des Islam und “das Reich der Gerechtigkeit, in dem die Yezidi die Erde beherrschen” würden, voraus. Im Oktober 1893 begannen daraufhin neue Kämpfe. Schließlich war der militärische Führer der Yezidi, Sufuq Aga, aber zu Verhandlungen bereit, die in einer Vereinbarung zwischen den Yezidi und dem osmanischen Staat endeten.

Die Yezidi erhielten ihre Glaubensfreiheit zurück. Der Preis, den sie dafür zahlen mussten, war hoch. Sie mussten zulassen, dass in ihren Dörfern islamische Schulen errichtet wurden. Das Grab Sheikh Adis in Lales blieb – für insgesamt zwölf Jahre – ein islamisches Derwisch-Kloster mit angeschlossener Medrese. In zahlreichen in den yezidischen Dörfern errichteten Elementarschulen sollten die Yezidi unter dem Vorwand, ihnen Lesen und Schrei­ben beibrin­gen zu wollen, zu guten Moslems gemacht werden. Die yezidische Bevölkerung erkannte aber schnell den wahren Sinn der ihnen angebotenen “Bildung” und besuchte weder die Medrese noch die Schulen; bis heute hat sich wegen der damals gemachten Erfahrungen bei den Yezidi eine Distanz zu Bildungsanstalten erhalten.

Bei Beled Sinjar blieb eine starke osmanische Garnison zurück, um so das Gebirge militärisch unter Kontrolle zu halten. Auch mussten die Yezidi von nun an Wehrdienst leisten; die meisten yezidischen Soldaten wurden in den ersten Jahren in den Jemen geschickt, wo sie zur Nie­derwerfung von Aufständen der dortigen Bevölkerung eingesetzt wurden, und kehrten von dort nie wieder in ihre Heimat zurück. Auch Yezidi aus anderen Regionen wurden als Soldaten in den Jemen geschickt. So berichtete der französische Missionar Henri Lammens, daß er 1903 anläßlich eines Besuches in yezidischen Dörfern des Sim’an-Gebirges bei Aleppo von seinen Gastgebern “über die Situation in Arabien befragt wurde, von wo niemand der ihrigen jemals zurückgekommen ist.”

Neben den großen Opfern an Menschenleben hatten die Massaker aber auch andere Verluste für die Yezidi. Zwar kehrten Mirza Beg und die meisten anderen prominenten Zwangs-Konvertiten zum alten Glauben zurück und durften sogar die ihnen gewährten Privilegien behalten; der standhaft gebliebene Ali Beg mußte aber in die Verbannung nach Sivas und später nach Kastamonu in Nord-Anatolien.

Erst als schließlich Mustafa Nuri Pasha, der gegenüber den Yezidi ein gewisses Wohlwollen zeigte, den Posten des Gouverneurs von Mossul erhielt, kam es zu einer Verbesserung der Lage der Yezidi. Unter anderem schloss dieser die in Lales errichtete Medrese und gab das Heiligtum von Sheikh Adi gegen die Zahlung eines hohen Betrages an Gold 1907 an die Yezidi zurück. Anschließend wurde das Heiligtum in Sheikh Adi restauriert.

 

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