Der 14. August 2007

von Johannes Düchting

Soweit sich die Geschichte der Eziden zurückverfolgen läßt, ist sie eine Geschichte von Verfolgungsfeldzügen und „Strafexpeditionen“ gegen sie. „Die Verfolgungen gingen von folgendem Prinzip aus: der Krieg ist das Mittel und die Massaker sind die Konsequenz daraus.“(1)   Eziden selbst sprechen oftmals von 72 Vernichtungkriegen oder Genoziden, die ihnen gegenüber begangen worden sind (2).  Diesen Genoziden muss man wohl einen weiteren hinzufügen, betrachtet man die Lage in den ezidischen Gebieten im Irak seit dem Ende des Saddam-Regimes. Hatte man zunächst gehofft, dass sich nach der Zerschlagung der Saddam-Diktatur die Lage grundlegend verbessern würde, sah man sich schnell eines Schlechteren belehrt. Vor allem islamistische Terroristen aus dem Umfeld der Al Qaida sehen in den Eziden die Gruppe, die es als erstes auszurotten gilt.

Nach islamischer Auffassung sind die Eziden nur „Renegaten“ (murtaddin), die auf Duldung und erst recht auf Gleichberechtigung keinen Anspruch haben. Von islamischen Rechts„gelehrten“ wird seit Jahrhunderten behauptet, dass die Eziden „zindiq“ seien und es legitim, ja sogar empfohlen sei, diese auszurotten, da für einen „zindiq“ (anders als bei Christen oder anderen Ungläubigen) eine Umkehr nicht erlaubt sei. Der Kampf gegen die Eziden sei „Heiliger Krieg“ (djihad), was letztendlich bedeutet, dass alle Eziden, die nicht zum Islam übertreten, zu töten sind. Dieses sei durch den Koran vorgeschrieben, in dem es heißt: „Sind die heiligen Monate vorüber, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie auch findet, fanget sie ein, belagert sie und stellet ihnen nach aus jedem Hinterhalt.“(3)

Die Liste von – prominenten und nicht-prominenten – Eziden, die Opfer von Mordanschlägen geworden sind oder mit dem Tod bedroht wurden, ist inzwischen lang. Wie auch in der Vergangenheit wird die Ermordung von Eziden von islamischen „Intellektuellen“ und Geistlichen gerechtfertigt. So bezeichnete ein Dr. Adnan Mohammead at-Tuna in der Zeitschrift al-Etedjah al-Aacher Nr. 164 vom 10. Januar 2004 die Eziden generell als „Mörder und Verbrecher“(4).   Am 1. Oktober 2004 forderte der Imam der Umher-Al-Khtabs-Moschee in der Stadt Sheikhan über Lautsprecher alle Eziden auf, zum Islam zu konvertieren; andernfalls würden sie schwer bestraft. Der moslemische Imam aus Aqra, Mulla Farzanda, nahm einen Lynchmord an einem ezidischen Mädchen zum Anlass, in seiner Freitagspredigt zur Vernichtung der Eziden aufzurufen: „Man darf keinen von den Yeziden am Leben lassen, weil deren Tod Halal ist. Deren Ermordung ist Halal (= religiöse erlaubte Tat). … Sie dürfen sich nie wieder freuen. … Es wird kein Tag vergehen, ohne dass einige von denen getötet werden. Ich schwöre bei Allah, sie werden keinen Frieden mehr in diesem Kurdistan finden.“(5)

Der gravierendste Terror-Anschlag gegen die Eziden (und wohl auch der folgenschwerste Terror-Anschlag im Irak überhaupt) ereignete sich am 14. August 2007. Mehrere mit Sprengstoff beladene Lastwagen wurden fast gleichzeitig in den ezidischen Gemeinden Tal Asir und Siba Sheikh Khidir in der Sinjar-Region (kurdisch: Shingal) zur Explosion gebracht. Mehr als 330 Menschen kamen sofort ums Leben; mehrere hundert Menschen wurden zum Teil schwer verletzt (6).  Sechs der Verletzten wurden später zur medizinischen Behandlung nach Deutschland gebracht. Ganze Familien wurden unter den Trümmern der zumeist aus Lehm gebauten und somit keinerlei Schutz gegen Bombenangriffe bietenden Häuser verschüttet.  Rund 1.000 Familien wurden obdachlos. Islamische Extremisten aus dem Umfeld der Al Qaida bekannten sich zu dem Anschlag.

„Der Zeitpunkt der Explosionen war in teuflischer Absicht gewählt. Gegen 19.30 Uhr rollten die ersten beiden mit hoch explosivem Sprengstoff gefüllten Tanklastwagen auf den Wüstenort Til Ezer zu. Die Sonne war an jenem 14. August gerade untergegangen, die lähmende Hitze des Tages hatte sich gelegt. Emsige Geschäftigkeit hatte das Zentrum von Til Ezer mit dem Marktplatz und seinen vielen kleinen Läden belebt, als die tödliche Fracht eintraf. In einem Radius von fünfhundert Metern vernichtete die Explosion das gesamte Zentrum des Ortes und hinterließ eine zunächst unüberschaubare Zahl von Toten und Verletzten. … Nur zwei Minuten und vierzig Sekunden später zündete der zweite Selbstmord-Attentäter seine Ladung und zerstörte sämtliche 520 Häuser des nördlichen Ortsteiles. … Die gewaltigen Explosionen schreckten die Bewohner des nur sechs Kilometer entfernten Nachbarortes Siba Sheik Khidir auf. Telefonisch waren sie informiert worden, dass in Til Ezer mindestens ein Tanklastwagen explodiert war. Die wenigen bewaffneten Männer rannten sofort in Richtung des Nachbarortes. Im letzten Licht der Dämmerung sahen sie zwei unbeleuchtete Tankwagen auf ihr Dorf zukommen. Sie eröffneten sofort das Feuer auf beide Fahrzeuge, und es gelang ihnen, den Fahrer des einen Tankzuges etwa achthundert Meter vor dem Ort zu töten. Der zweite schaffte es dagegen, seine Ladung sofort nach Erreichen des Dorfrandes zu zünden. Seit der zweiten Explosion in Til Ezer waren nur knapp fünf Minuten vergangen.“ (7)

„In der Folge der Explosion ist ein Krater von 10 Meter Tiefe entstanden. Im Umkreis von 2 Km sind alle Gebäude zerstört. 3000 Häuser sind komplett zerstört. In beiden Dörfern herrscht Verwesungsgeruch der Leichen. Unter den Trümmern befinden sich noch Menschen. Die Verletzten sind in mehreren Krankenhäusern untergebracht. … Die Krankenhäuser sind auf solche Anschläge und Katastrophen nicht vorbereitet. … In manchen Familien gibt es bis zu 30 getötete Familienmitglieder. (8)

„Der Bürgermeister der 65.000 Einwohner zählenden Distrikthauptstadt Sindschar, Dakhel Hassoun, selbst Yezide, nennt auf die Frage nach den Schuldigen des schwersten Sprengstoff-Attentates im Irak das Terror-Netzwerk El Kaida und den iranischen Geheimdienst. Das sei schon daraus zu schließen, dass der Anschlag sich eindeutig gegen die Yeziden gerichtet habe und dass 75 Prozent der Opfer Kinder seien. Im christlich-yezidischen Dorf Dayrabun, das auf dem Weg von der türkischen Grenze nach Sindschar liegt, dort, wo der Tigris für wenige Kilometer die Grenze zwischen Syrien und dem Irak bildet, hatten die Menschen noch von einem dritten Verdächtigen gesprochen – dem syrischen Geheimdienst. Die beiden betroffenen Orte liegen nicht allzu weit von der syrischen Grenze entfernt. … Immer wieder kommt er (= der Bürgermeister) auf die Frage nach den Schuldigen des Anschlages vom 14. August zu sprechen, den er auch als Warnung vor einem ‚falschen‘ Abstimmungsverhalten der Yeziden in Sindschar bei einem möglichen Referendum versteht. Einige Tatverdächtige, so Dakhel Hassoun, seien verhaftet worden, ihre Vernehmung aber noch nicht abgeschlossen.“(9)

Das Massaker, deren Jahrestag sich in diesem Jahr nunmehr zum vierten Mal jährt, hat inzwischen für die ezidische Religionsgemeinschaft eine ähnliche Bedeutung, wie es die Schoa für das jüdische Volk und das Massaker von Halabja für das kurdische Volk hat.

Auch islamistische Terroristen nehmen den Jahrestag des Massakers zum Anlass, den Eziden im Irak zu verdeutlichen, dass sie dort unerwünscht sind und dass man sie dort nicht in Ruhe leben lassen wird.  Am Vortag des zweiten Jahrestages des verheerenden Attentats, am 13. August 2009 sprengten sich zwei Terroristen in einem gut besuchten Café im Zentrum der Stadt Sindschar in die Luft. Mindestens 18 Menschen fanden den Tod, 32 wurden verletzt.

Auch im Jahre 2011 werden die Eziden weltweit des Attentates und seiner Opfer gedenken. Zahlreiche ezidische Gemeinden und Vereine organisieren Gedenkveranstaltungen und machen auf die Situation der Eziden in der irakischen Heimat aufmerksam.

Anmerkung: Während ich diesen Beitrag für die Zeitschrift der Ezidischen Akademie schrieb, lief in den Nachrichten und zahlreichen Sondersendungen die Meldung, dass in Norwegen ein rechtsradikaler christlich-fundamentalistischer Attentäter nahezu 100 Menschen umgebracht hat. Auch den Opfern dieses Massakers gilt unser Mitgefühl.

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1 Menant, Joachim; Les Yezidiz – Episodes de l‘Histoire des Adorateurs du Diable; Paris 1892; Seite 163

2  Koyun, Mahmut / Önen, Syleyman, Die Bedeutung sozialer Bewegungen für die soziale Arbeit mit Flüchtlingen am Beispiel der Yeziden, Bielefeld 2003 (unveröffentlichte Diplomarbeit), Seite 77; Huggler, Justin, Iraq’s Yezidi tribe have survived centuries of abuse, in: The Independent vom 29.11.2003

3 Sure 9 Vers 5; zitiert nach der Koran-Übersetzung von Goldschmidt, Lazarus, Berlin 1920 (Reprint: Dreieich – Wiesbaden 1993), Seiten 204 f.

4 Yezidisches Forum e.V. – Mala Ezidiyan, Menschenrechtssituation der Yeziden im Irak, Oldenburg 30.12.2004, Seite 3

5 aus dem Handy-Mitschnitt der Freitags-Haßpredigt; Übersetzung durch yezidische Freunde

6 Bei Thomas Schmidinger, „Engel Pfau muss flüchten“, in: Südwind – Internationales Magazin für Politik, Kultur und Entwicklung, Nr. 02/2011, heißt es: „Insgesamt wurden in beiden Dörfern an diesem Tag 796 Menschen getötet und weitere 1.500 verletzt.“

7  Ahrens, Norbert; Unkurdisch, unislamisch, zwischen den Fronten; in: Berliner Zeitung vom 16.11.2007

8  aus dem Reisebericht einer „Delegation der Eziden aus Deutschland“ unter Leitung der Europaparlaments-Abgeordneten Feleknas Uca

9  Ahrens, a.a.O.

 

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