Integration in Deutschland

von Hatab Omar
vorgetragen von Perisan Ciner

Seit den 1960er Jahren kam es zu einer großen Abwanderungsbewegung von Eziden aus allen angestammten Siedlungsgebieten in Richtung Westeuropa. Zunächst kamen sie als Gastarbeiter, seit den 1980er Jahren gelangen sie verstärkt als Flüchtlinge nach Europa und dort v.a. nach Deutschland, wo sie trotz vieler Hindernisse besonders häufig als Flüchtlinge anerkannt wurden. Sie konzentrieren sich auf die Bundesländer Niedersachen und Nordrhein-Westfalen.

Da die Eziden in der Diaspora erstmals in der Lage sind, ihre Religion offen und ohne Angst ausüben zu können, sind sie sehr daran interessiert, in Deutschland, eine dauerhafte und sichere Heimat für die Zukunft zu finden. Entsprechend hoch ist die Bereitschaft zur Integration: Viele Eziden haben die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und in Deutschland Eigentum erworben. Sie bemühen sich um das Erlernen der deutschen Sprache, die Kinder sind in der Schule erfolgreich, immer mehr Jugendliche schließen eine Berufsausbildung ab.

Spezifische Integrationsprobleme

Die Integration der Eziden hat eine Reihe besonderer Probleme, die aus dem Status als verfolgte Minderheit resultieren. Das ist zum einen das unter den Eziden verbreitete Analphabetentum und ebenso ein häufig niedriger Bildungsstand. V.a. Angehörige der ersten Generation durften in der Heimat wegen ihrer Religionszugehörigkeit kaum die Schule besuchen (bes. türkischer Teil). Im Gegensatz zu besser gebildeten Immigranten haben sie natürlich größere Probleme mit der Integration, was auch ihren psychischen Haushalt beeinflussen kann, beispielsweise wenn ein Analphabet einen offiziellen Brief bekommt und erst jemanden suchen muss, der ihn vorlesen und übersetzen kann.

Die Sprachbarriere ist für Analphabeten dramatischer, die Möglichkeiten, die neue Umwelt zu erfassen und sich so zu orientieren, sind geringer. Dadurch geht auch der Migrationsschock tiefer, wirkt dramatischer auf seine Persönlichkeit und belastet das psychische Wohlbefinden oft stärker. Auch sind Erwartungen oft weniger realistisch: Technik und modernes Leben werden überschätzt, werden solche Erwartungen dann enttäuscht, z.B. im Fall schwerwiegender Krankheit, taucht umso größeres Misstrauen auf, das bis zu Verzweiflung und Ablehnung führen kann.

Aus dem Analphabetentum resultiert natürlich auch ein Problem für die nachfolgenden Generationen: Ein Kind eines Analphabeten, das in der Schule Unterstützung bräuchte, kann diese von seinen Eltern kaum bekommen. Oft haben die Eltern nicht einmal Informationen über die schulische Entwicklung ihrer Kinder, was nicht an Verantwortungslosigkeit, sondern schlicht an Unkenntnis des deutschen Schulsystems liegt. Viele Eziden sind zudem kaum in der Lage, mit ihrer Religion angemessen umzugehen, da ihnen auch hier das Wissen fehlt. Oft wissen sie nur, dass sie durch die Geburt Eziden sind und kennen einige durch die Eltern vermittelte Traditionen. So werden oft religiöse und nichtreligiöse bzw. von anderen Religionen übernommene Traditionen miteinander verwechselt. Im Laufe der Jahrhunderte ist so viel religiöses Wissen verloren gegangen, dass selbst entsprechend Ausgebildete kaum in der Lage sind zu entscheiden, was genuin ezidisch und was übernommen ist.

Ein weiteres Problem entsteht dadurch, dass die Eziden oft im Kontext der kurdischen Problematik betrachtet werden und andererseits die Kurden – auch im Exil – daran interessiert sind, ein ganz bestimmtes Bild der Eziden zu verbreiten. So propagieren etwa einige kurdische Parteien die "Erschaffung eines neuen Ezidentums". Solche Ideen beeinflussen natürlich auch die Organisation der Eziden selbst. Gelegentlich werden in diesem Zusammenhang Forderungen nach einer politisch unabhängigen Organisation aller Eziden mit einem nur für sie zuständigen Oberhaupt erhoben.

Wichtige Faktoren, die eine Integration fördern können, wären eine bessere Bildung, die Stärkung von Mündigkeit und Eigenverantwortung und die besondere Förderung von Jugendlichen. Außerdem könnte eine Verstärkung der inneren Organisation in den ezidischen Zentren und die Gründung eines deutsch-ezidischen Rates für Ezidische Angelegenheiten, der v.a. auch die Verantwortung und Koordination für zu leistende Forschungsarbeit übernimmt, bei der Integration helfen.

Darüber hinaus sind ähnlich wie bei anderen religiösen Minderheiten Diskurse zu führen um Gemeinderäume und Friedhöfe, Religionsunterricht, Sicherung der Versorgung der Geistlichen und ähnliches.

 

 

 

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