"Eziden - Verfolgt, zerstreut, vom Untergang bedroht" von Dr. Lutz Brade

Ethnisch werden Yeziden in ihrer Mehrzahl den Kurden und ehemaligen Völkern des westiranischen und armenischen Hochlandes zugerechnet. Anders als die Mehrheit der Kurden konvertierten sie nicht zum Islam. Während der Osmanischen Herrschaft lebten sie in Dorfgemeinschaften in der Nachbarschaft mit moslemischen Kurden und auch Christen.

Verbreitet waren sie in Gebieten, die in der Gegenwart zu den Staaten Irak, Iran, Syrien und der Türkei gehören. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie als Kleinbauern und Viehhändler, legten Maulbeerpflanzungen an und betrieben Seidenmanufakturen. Ihre Sprache, das Yezidische, ist bisher wenig erforscht. Stellt es eine genuine Sprache dar, wurde es aus dem Kurdischen entwickelt oder mit kurdischen, später auch arabischen Sprachelementen verbunden? Die Herkunft des Namens Yeziden ist bisher ungeklärt. Eine These lautet, er sei von dem Namen des Kalifen Yazid I. (um 680 u. Zr.) abgeleitet worden. Aber als Religionsgemeinschaft haben die Yeziden bereits vor diesem Datum existiert.

Ihre Überzeugungen sind von Elementen des Zoroastrismus, des Juden- und Christentums geprägt und stehen im Gegensatz zur islamischen Dogmatik. Durch ihre Abgrenzung vom Islam und die Tatsache, dass ihre religiösen Traditionen überwiegend mündlich überliefert wurden, entstanden Yeziden während der Osmanischen Regierungsperioden zusätzliche Probleme. In Gesprächen mit aus der Türkei und Georgien nach Deutschland geflohenen Yeziden bes. seit den 90er Jahren des 20. Jhls stieß ich auf einen Schöpfungsmythos, der in 2 Varianten erzählt wird und wichtige Yezidische Grundanschauungen vermittelt.

Die Religion der Yeziden ist monotheistisch. Sie glauben an einen Gott, den Schöpfer, der zuerst das Universum, dann sieben Engel schuf. Anschließend bildete Gott alles Organische bis hin zum Menschen. In dieser Schöpfungsgeschichte begegnen uns Elemente, die wir aus dem Juden-, Christentum und Islam kennen. Ein Prinzip, Gott, wird als Urheber fUr alles Seiende geglaubt. Die gesamte Schöpfung ist durch Kriterien wie Qualität, Ordnung, Schönheit, Perspektivität gekennzeichnet. Zwischen Gott und Mensch besteht nach Yezidischer Überzeugung eine unmittelbare Beziehung, die wir ebenfalls im Judentum (Gott - Abraham, Gott - Mose), im Christentum(Gott - Jesus) und im Islam (Gott - Mohammed) feststellen. Vom Schöpfer aus betrachtet bedeutet die direkte Beziehung zwischen Gott und Mensch, dass jeder Mensch ungeachtet seiner Herkunft, Anschauungen, Hautfarbe... einmalig ist. Jeder Mensch ist von Gott bejaht, angenommen, ein 'geliebtes Kind Gottes'. Jedem Menschen sind die gleichen Rechte zugesprochen, die jeder Mensch jedem anderen Menschen gegenüber zu beachten hat. Konsequenterweise sind mit diesen Vorstellungen ethische Grundsätze verbunden wie, dass Yeziden nicht töten dürfen, dass sie Toleranz üben, also z.B. multikulturelle Gemeinschaften befürworten, dass sie die Geschlechter als gleichwertig ansehen, also z.B. Frauen mit Respekt begegnen. Von der gen. Fassung der Schöpfungsgeschichte können keine Herrschafts- und Machtansprüche von Menschen über Menschen abgeleitet werden. Diese Auffassungen begegnen auch in den frühesten Schöpfungsberichten des Juden-, Christentums und im Islam.

Im Verlauf ihrer Geschichte haben Yeziden über Jahrhunderte in einer Umgebung gelebt, die vom Islam geprägt wurde und in der sie als überwiegend bäuerliche Bevölkerung in Abhängigkeit von Muslimischen Grundherren existieren mussten. Die Erfahrung von politischer, ökonomischer und sozialer Unterordnung blieb nicht ohne Folgen fUr ihre Überzeugungen. So wurde ihr ursprünglicher Schöpfungsglaube den erlebten Existenzbedingungen angenähert. Davon zeugt eine Variante des ursprünglichen Schöpfungsberichtes, in dem Gott, nachdem er das Universum erschaffen hatte, den von ihm zuerst geschaffenen Engel an der Bildung alles Seienden bis hin zum Menschen beteiligte. Dem Engel wird die Herrschaft und Verwaltung über die Erde anvertraut. Er kann verschiedene Erscheinungsformen, z.B. das Aussehen eines Pfaus, auch menschliche Gestalt annehmen wie in dem Sheich Adi (gest. um 1162), dessen Grabmal in Lalesch ca. 60Km nordöstlich von Mossul als Yezidisches Heiligtum gilt. Über die Figur des Engels und seiner Erscheinungsformen wird vorgegeben, dass die Verbindung zwischen Gott und Mensch durch StellvertreterlMittler hergestellt wird, denen als geistlichen und weltlichen Würdenträgern eine Vorrangstellung zukommt. Wie bei den Yeziden wird die Umdeutung des ursprünglichen Schöpfungsmythos im Juden-, Christentum und Islam gefunden und zur Rechtfertigung von geistlichen und weltlichen Herrschaftsstrukturen bei Eliminierung des Aspekts des Dienens an der gesamten Schöpfung benutzt.

Mit der Variante des ursprünglichen Schöpfungsmythos sind die Voraussetzungen für die soziale Gliederung der Yeziden gegeben, wie sie seit Sheich Adi ben Musafir in dem Sheichan-Bezirk des Dorfes Baadri, heute Begräbnisstätte und Pilgerort, historisch fassbar werden. Adi beabsichtigte, für alle Yeziden in Baadri ein geistliches und weltliches Zentrum entstehen zu lassen. Seit seinem Wirken residierten in Baadri für den Sheichan-Bezirk und die Gesamtheit der Yeziden der 'Emir' als geistlicher und weltlicher Herrscher und als oberster Geistlicher der 'Sheich Nasir' oder 'Baba Sheich'. Für Belange des Emirs und Baba Sheichs sowie die Betreuung der Grabstätte Adis sind ausschließlich die Priester der Qawals und Mitglieder der Laienbruderschaft der Kotschaks zuständig. Innerhalb der sozialen Hierarchie folgen dem Emir und Baba Sheich die SheichFamilien, die in mehrere Klassen eingeteilt sind. In der Rangfolge stehen unter ihnen die PirFamilien, ebenfalls Priesterfamilien und wie jene in verschiedene Gruppen differenziert. Die Zugehörigkeit zu den Priesterfamilien, aber auch zu der Gruppe der Laien (Merids) ist erblich bedingt. Eine bestimmte Anzahl von Laienfamilien wird einem Sheich zur Betreuung bei Glaubens-, Existenz-, Kultus- und Rechtsfragen zugeteilt. Laien und Priester sind streng von einander geschieden. Als deutliches Merkmal für die Trennung kann die Endogamie angeführt werden, die für die Laien und Priestergruppierungen gilt.

Wie für die religiösen Anschauungen bestehen zur Praxis der Yezidischen Religion Lücken und Unklarheiten. Bekannt ist vom persönlichen Glaubensleben eines Yeziden das tägliche Gebet zu Gott, Engeln und Gestirnen. Spezielle Kultbauten zur Religionsausübung sind abgesehen von den Gebäuden im Sheichan-Bezirk unbekannt. Gottesdienste werden von Priestern in Wohnungen abgehalten. Als bes. Riten gelten die Taufe, Totenriten und in manchen Regionen die Beschneidung von männlichen Nachkommen.

Das Kalenderjahr ist durch verschiedene Feste gegliedert, denen Fastenwochen vorausgehen und folgen. Ein wichtiges Fest, das Wallfahrtsfest, wird im September gefeiert und am 1. Mittwoch des Monats April das Neujahrsfest. Als wöchentlicher Feier- und Ruhetag gilt der Mittwoch.
Die Bemühungen zur Anerkennung des Baadri-Bezirks als geistlich-weltliches Zentrum seit Sheich Adi scheiterten. Die Yezidischen Gemeinschaften lagen zu weit von einander entfernt und der Wille der unterschiedlichen Sheich-Familien nach Unabhängigkeit von einer übergeordneten Gewalt war zu ausgeprägt. So entstanden in der Diaspora verschiedene Sonderformen von Glaubensinhalten, eine Mischung aus religiösen Überlieferungen des Zoroastrismus und den die Yeziden umgebenden Religionsgemeinschaften
Im Zusammenhang der Massaker an Kurden im Nordirak 1975 mussten der amtierende Emir und der Baba Sheich ihre Amtssitze in Baadri aufgeben und nach Bagdad umziehen. Die erhaltene Grabstätte von Sheich Adi dient seitdem als Pilger- und Versammlungsort zu bes. Festtagen.
Eine Welle von Ausschreitungen erreichte die Yeziden 1915, als im Osmanischen Reich auf dem gegenwärtigen Staatsgebiet der Türkei Massaker an der Armenischen Bevölkerung verübt wurden. Damals flohen Yeziden bes. nach Transkaukasien, nach Armenien und Georgien. Hier lebten sie überwiegend in Tiflis, wurden zu Stadtmenschen und änderten ihre Erwerbsquellen. Solange Georgien eine Republik der USSR war, gingen Yeziden den verschiedensten Tätigkeiten nach und übten nach 1945 auch akademische Berufe aus. Wirtschaftlich waren die meisten Yeziden abgesichert. Um1970 erhielten sie in Georgien die Erlaubnis zum Bekenntnis ihrer Religion. Im Kontext der Auflösung der USSR entstand 1991 der unabhängige Staat Georgien mit einem ausgeprägten Nationalismus mit Folgen für die Yeziden wie, dass sie als 'Fremde' eingestuft und ihnen die Menschenrechte versagt wurden. Seit Gamsachurdia über Schewardnadze bis hin zu Saakaschwili begann ein Exodus, durch den von geschätzten 30000 Yeziden um 1990 ca.98% der Menschen Georgien verließen. Die Mehrzahl von ihnen floh nach Russland, nach Übersee, in EUStaaten, auch nach Deutschland. Hier gelang bisher nur wenigen Yeziden, das Bleiberecht zu erhalten. Wegen Menschenrechtsverletzungen verließen Yeziden Syrien seit Ende der 80er Jahre des 20. Jh's. In Einzelfällen wurde ihnen der Status eines anerkannten Flüchtlings in Deutschland zugebilligt. Die im gen. Zeitraum aus der Türkei nach NR W geflohenen Yeziden wurden Anfang der 90er Jahre als Flüchtlinge anerkannt.

Mit der erdweiten Zerstreuung der Yeziden und ihrer Isolierung durch die Folgen von V ertreibun~ droht der Verlust einer bis in die Mederzeit nachweisbaren, wenig erforschten Religion und Geschichte eines Volkes.
Wir sind aufgerufen, die noch lebenden Menschen zu schützen und ihnen zu einer 'Heimstätte' zu verhelfen, in der sie ihre Traditionen pflegen können. Mit ihren religiösen Überlieferungen und Wertvorstellungen können sie wesentlich zum interreligiösen Dialog beitragen.


Literaturangaben


Birgit Cerha, Ein Gott, sein Engel und die Brunnenvergifter von heute, in: Publik Forum 8/2004, S 62F
EKD (Hg.), Die Yeziden. Eine Arbeitshilfe, Hannover 1992
Gfb V (Hg.), Presseerklärung: In Georgien unterdrückt und verfolgt - Bleiberecht für yezidische Familien aus Georgien, Bielefeld, 28. Okt. 2002 (Typoskript)
Ilhan Kizilhan, Die Yeziden. Eine anthropologische und sozialpsychologische Studie über die kurdische Gemeinschaft, Frankfurt/M 1997
Rechtsanwaltskanzlei HofemannlHirte- Piel (Hg.), Menschenrechtssituation der Yeziden in Georgien. Beweisantrag, Bielefeld 200 1 (Typoskript)
Gemot Wießner, "...in das tötende Licht einer ftemden Welt gewandert". Geschichte und Religion der Yeziden, in: Schneider, R.(Hg.), Die kurdischen Yezidi. Ein Volk auf dem Weg in den Untergang, Göttingen 1984 (Pogrom-TB 1011), S. 31-45
Sabiha Banu Yalkut-Breddermann, Das Volk des Engel Pfau. Die kurdischen Yeziden in DeutscWand, Berlin 2001
Yezidisches Forum e.V.(Hg.), Stellungnahme zu der Situation der Yeziden in Nordsyrien, Oldenburg 2000 (Typoskript)

 

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