Zum Verhältnis von Christen und Eziden im Euphrat

von Lutz Brade

Vorläufer des und Übergänge zum Monotheismus werden im Zweistromland durch schriftliche Zeugnisse wie den Codex Hammurabi, das Gilgamesch Epos und die Erzählungen über Abraham in der hebräischen Bibel  belegt. Die erwähnten Quellen stammen aus dem Zeitraum zwischen ca. 2000 – ca. 1000 v.Chr. Bis in diese Periode dürfte mündliches ezidisches Traditionsgut zurück gehen, wie religions-, sprach-, literaturwissenschaftliche, archäologische Forschungen und Analysen von mündlich überliefertem Material in den vergangenen drei Jahrzehnten ergeben haben. Als ein Beispiel für ezidische monotheistische Vorstellungen  wird das  folgende Gebet zitiert:

„Mein Herr ist gnädig und barmherzig.
Er befahl, die Erde und deren vier Ecken zu gestalten und zu formen.
Mein Herr hat die Weltschöpfung vollendet.
Er hat sie mit einer Atmosphäre und einer Laufbahn ausgestattet
und die Kinder Adams darin angesiedelt.
Mein Herr ist der Allmächtige im Himmel, das Geheimnis des Himmels.
Er ist der Schöpfer des Tages, der Nacht und der Zeit.
Alles Gute kommt von ihm.
Mein Herr ist der Gott der Engel.
Er ist der Gott der sieben Engel, durch seine Allmächtigkeit.
Er ist der Gott der sieben Engel, die uns gottesfürchtig machen.
Mein Herr hat das Leben aus der weißen Perle geformt und gestaltet.
Er übergab es den sieben Engeln für immer und ewig
und hat Tausi- Melek zu dessen Führer gekrönt.
Mein Herr ist der Gott Adams.
Er ist unendlich gütig, zu jeder Zeit, in jedem Zeitraum, in jeder Epoche.“ (Issa, S.28)

Eziden glauben an eine Schöpferkraft, die Leben erschaffen hat.  Anders als Juden, Christen und Muslime kennen Eziden keinen Gegenspieler des ‚Einen‘ (nicht geschlechtsspezifisch). Deshalb sollte die im Islam, aber auch im Christentum bis in die Gegenwart verbreitete Charakterisierung von Eziden als ‚Teufelsanbeter‘ künftig unterbleiben.

Eziden teilen mit den Juden und  ostsyrischen (nestorianischen) Christen das Bekenntnis zu dem ‚Einen‘, das sie durch die Proklamation Jesu von Nazareth als Gottheit  in west- und oströmischen Kirchenregionen gefährdet sahen. Die Auseinandersetzung um die Person Jesu beginnt nachweislich im 2. Jahrhundert. Bardaisan (154 - 222 nach Kawerau) von Edessa (heute Urfa in der Türkei) lehrte die Einheit des ‚Einen‘ wie auch  Paul von Samosata (Ruinen von S. bei der Stadt Samsat in der Türkei am oberen rechten Ufer des Euphrat), der  von 260 - 268 als Bischof in Antiochia residierte. Wegen seines Glaubens an die ‚Einheit‘ Gottes und seiner Äußerung, dass Jesus ein Mensch war, verlor er seinen Bischofsposten. Etwa zwei Generationen später erhielt der Presbyter Arius (*um 260 – 336) Berufsverbot, weil er Jesus als einen von Gott besonders ausgezeichneten Menschen beschrieb. Nestorius (*nach 381 – 451), der als Prediger in Antiochia und als Bischof von Alexandria wirkte, trat dem entstehenden Marienkult entgegen und erklärte, dass Jesus als Mensch geboren wurde und Maria keine Gottesgebärerin war. Er wurde seines Amtes enthoben und später ins Exil geschickt. Theodor (*um 350 – 428) von Mopsuestia (heute Yakapinar in der Nähe von Adana) bestätigte mit seinen Forschungen zu Quellen des Christentums die Einheit des ‚Einen‘ und präzisierte das Verständnis des Arius von Jesus von Nazareth mit der Aussage, dass in dem Menschen Jesus der ‚Geist Gottes‘, des ‚Einen‘,  in besonderer Weise ‚gewohnt‘ hat.

Theodor von Mopsuestia (ThvM) meinte im Gegensatz zu dem Apostel Paulus, der die Menschheit pauschal als ‚Sklaven der Sünde‘ beschrieben hatte und dessen Charakterisierung der Gattung Mensch die Voraussetzungen für die sog. Erbsündenlehre in west- und oströmischen Kirchen lieferte, dass jeder Mensch einschließlich Jesus von Nazareth von dem ‚Einen‘ sein Leben erhält und von Ihm mit Moralvorstellungen ausgestattet wird. Nach ihm praktizierte Jesus die Verhaltensnormen Gottes so, dass er die Gabe seiner Entscheidungsfreiheit mit dem Willen des ‚Vaters‘ in Übereinstimmung brachte, d.h. Jesus wurde von der Sorge für die gesamte Kreatur (Natur) angetrieben. Wie Jesus, so formulierte ThvM, kann jeder Mensch zwischen gut und schlecht (böse) unterscheiden. Wenn er Fehler macht, dann liegt das nicht an der Unfähigkeit (einem Makel) eines Menschen, sondern an seiner subjektiven Entscheidung. Wer sich als Geschöpf des ‚Einen‘ versteht und seinem Willen  zu folgen bereit ist, ist von Irrtümern nicht befreit. Aber er kann sie zu korrigieren versuchen und neu anfangen. Der ‚Eine‘ nimmt keinem Menschen die Verantwortung ab und seine Verfehlungen kann kein Mensch Jesus aufladen. Sie kann der ‚Eine‘ wegen seiner Liebe zur Schöpfung vergeben, so dass ein Mensch seine Kräfte neu orientieren kann.

Nach Mohammeds Tod (632) und der Expansion des Islam  in das Euphrat-Tigris-Gebiet kommt der Islam als 4. monotheistische Religion mit seiner Anthropologie dazu. Alle 4 Religionen eint der Glaube an eine Schöpferkraft, die Ursache von allem Seienden, und die Überzeugung von der kontinuierlichen Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpfen. Das Verhältnis zwischen dem ‚Einen‘ und einem Menschen stimmt, wenn ein Mensch die ihm mitgegebenen Moralanschauungen so lebt, wie mit den ausgewählten Zitaten verdeutlicht wird:

„Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich ladest. Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr“ (Lev(3.Mose)19,17-18 nach der Übersetzung von M. Luther) und aaO  Dtn(5. Mose)6,4-5: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“

„Jesus wurde gefragt: Welches ist das vornehmste Gebot vor allen? Jesus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot ist das: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein der Herr, und du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften. Das andre ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese“ (Mk12,28-31 nach der Übersetzung von M. Luther)

„Sprich: Er ist der eine Gott, Allah, der Alleinige“ (Sure112,1-2 nach der Übersetzung von M. Henning und aaO Sure2,172/177: „Nicht besteht die Frömmigkeit darin, daß ihr eure Angesichter gen Westen oder Osten kehret; vielmehr ist fromm, wer da glaubt an Allah und den Jüngsten Tag und die Engel und die Schrift und die Propheten, und wer sein Geld aus Liebe zu Ihm ausgibt für seine Angehörigen und die Waisen und die Armen und den Sohn des Weges und die Bettler und die Gefangenen; und wer das Gebet verrichtet und die Armensteuer zahlt; und die, welche ihre Verpflichtungen halten, wenn sie sich verpflichtet haben, und standhaft sind in Unglück, Not und Drangsalszeit; sie sind’s, die da lauter sind, und sie, sie sind die Gottesfürchtigen.“

Vergleichbare Resümees wie die gebotenen fehlen bisher in ezidischen Publikationen. Aspekte von Verhaltensnormen werden z.B. in den Qewls (religiöse Gedichte, Erzählungen, Hymnen) gefunden, die zu sammeln und zu veröffentlichen begonnen wurde. Nach dem bisherigen Kenntnisstand verpflichten sich Eziden zu Toleranz, missionieren nicht und orientieren sich an Normen, wie wir sie vom Juden-, Christentum, Islam und von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte kennen. Wie Juden, Christen und Muslime glauben Eziden, dass jeder Mensch nach seinem Tod mit einer Beurteilung seiner Lebensführung rechnen muss. Diese Auffassung wird bei den Eziden mit dem Unterschied geteilt, dass die Qualität der Lebensführung eines Eziden darüber entscheidet, in welche ‚Hülle‘ seine Seele in der nächsten Existenz eingehen wird.

Wenn wir die in der Geschichte der 4 gen. Religionen entstandenen Riten, Dogmen und Institutionalisierungen als Ausdruck gesellschaftlicher Bedingungen ausklammern und ihre Verhaltensnormen fokussieren, stoßen wir auf Gemeinsamkeiten, die wir global im Hinduismus, Buddhismus, Chinesischen Universalismus und bei indigenen Völkern feststellen können. Das gemeinsame Erbe in einem konsensfähigen Dokument festzuhalten und intern wie extern zu praktizieren, dürfte den interreligiösen/interkulturellen Dialog fördern und zur Verwirklichung der Aufgaben zum Wohl der gesamten Kreatur (Natur) beitragen. Mit global vereinbarten religiösen Verhaltensnormen kann die Kommunikation und Kooperation mit der Staatengemeinschaft forciert werden. Sie beschloss in Anlehnung an religiöse Überlieferungen Dokumente wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, aber sie entbehren mehr als bei den Religionen der Verbindlichkeit und unterliegen politischem, wirtschaftlichem, strategischem Kalkül sowie sonstigen Erwägungen.

 

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Codex Hammurabi. Die Gesetzesstele Hammurabis von W. Eilers. Überarbeitet nach der 5. A. der Ausgabe Leipzig 1932, Wiesbaden 2009

Das Gilgamesch Epos, neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von A. Schott, Stuttgart 1958

Das Gilgamesch-Epos, neu übersetzt und kommentiert von S. M. Maul, München 2005

Der Koran. Aus dem Arabischen. Übersetzung von M. Henning, 7. A., Leipzig 1989

Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments. Nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1965

Drijvers, H. J. W., Bardaisan of Edessa, Assen 1966

Gross, J., Theodor von Mopsuestia, ein Gegner der Erbsündenlehre, in: ZKG 1953/54, S. 1-15

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