Carsten Niebuhr und die Eziden (18. Jahrhundert)

von Hatab Omar

So hat der deutsch-dänische Vermessungsingenieur Carsten Niebuhr, der zwischen 1761 und 1767 durch die ezidischen Wohngebiete reiste, über die Lage der Eziden in seinen Reisebeschreibungen geschrieben:

“Weil die Türken in ihren Ländern nur jenen freie Religionsausübung gestatten, die göttliche Bücher haben, also den Mohammedanern, Christen und Juden, sind die Jesidier gezwungen, die Grundlehren ihrer Religion geheim zu halten.

.....wenn die Jesidier nach Mosul kommen, werden sie von der Obrigkeit, auch wenn man sie erkennt, nicht angehalten. Der Pöbel versucht hingegen bisweilen, sie zu prellen. So ein gemeiner Mensch beginnt über den (...) zu schimpfen, von dem die Jesidier glauben, dass ihn Gott eines Tages wieder in Gnaden aufnehmen werde, und die Folge davon ist, daß die Jesidier lieber alles, was sie angeboten haben, Eier und Butter zum Beispiel, zurücklassen, als mit anzuhören, wie ein Engel beschimpft wird. ...”

Niebuhr sieht hier den Zusammenhang von muslimischer Verfolgung und Geheimhaltung der Religion, was nahe legt, dass er schon früh bekannt und zum Topos geworden ist. Weiterhin fällt auf, dass Niebuhr in seiner Betrachtung ein typisches europäisches Sehmuster anwendet: das der Differenzierung zwischen rechtschaffenen, dem aufgeklärten Absolutismus nachempfundenen Herrschern und unduldsamem Pöbel. Dabei wird ausgeblendet, dass es in den 40er Jahren des Jahrhunderts auch staatliche Verfolgung gab. Die Verfolgung wird auf das Werk des Pöbels reduziert und so in ihrer Reichweite und Institutionalisiertheit verkleinert. Damit geht ein zentraler Ansatzpunkt für Gegenwehr verloren: da die staatlichen Organisationen “sauber” sind und außerdem klar kommunizieren, wer seine Religion ausüben darf, schrumpft die Verfolgung so auf das Niveau gewöhnlicher Kriminalität. So wird traumatologisch Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit reproduziert und den Eziden durch ihre Religionszugehörigkeit eine Art Mitschuld an der Verfolgung zugeschrieben. Es ist zwar denkbar, dass Niebuhrs Reise gerade in die Zeit fällt, in der die Bereitschaft zur Koexistenz am ausgeprägtesten war, trotzdem zeigt seine Darstellung eine einseitige und wenig intensive Recherche, die Vorurteile fortschreibt.

Interessant ist ferner seine Beschreibung der Reaktion der Eziden, die nicht nur ein gespanntes Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft verrät, sondern so übertrieben wirkt, dass es nahe liegt, sie als Niederschlag bzw. Wiedererleben vorangegangener Traumatisierung aufzufassen. Außerdem wird hier deutlich, dass die Religion bereits zu Niebuhrs Zeit eine zentrale Rolle für die Identität der Eziden spielt, ihnen andererseits aber ein friedliches Miteinander mit der Mehrheitsgesellschaft praktisch unmöglich macht. Hier wird der Konflikt zwischen Identitätsbewahrung und Sicherheitsbedürfnis in einer Alltagssituation fassbar.

Insgesamt gehört Niebuhr trotz einiger Einseitigkeiten sicher zu denen, die sich um eine ausgewogene sachliche Darstellung bemühen, wie man der folgenden Passage entnehmen kann:

“Manche beschuldigen sie, daß sie den (...) unter dem Namen Tschellebi (das heißt: Herr) anbeten, andere wieder behaupten, daß sie die Sonne und das Feuer verehren, also abscheuliche Heiden sind. Sie sollen auch Abbildungen von Schlangen, Widdern und anderen Tieren schätzen, die der Schlange zur Erinnerung daran, daß Eva durch eine Schlange verführt wurde, die des Widders, um nie zu vergessen, daß Abraham Gott gehorsam und bereit war, seinen Sohn zu opfern...“

Niebuhr folgt eindeutig einem europäisch-christlichen Bewertungsmuster (“abscheuliche Heiden”), ist aber bezüglich der Glaubwürdigkeit seiner Quellen vorsichtig (“sollen”) und bemüht sich, trennende und verbindende Elemente zwischen Ezidentum und Christentum herauszustellen. Dennoch reproduziert er, sicherlich unbeabsichtigt, traumatisierende Zuschreibungen und Wertungen, macht sie aber auch in ihrer Alltagsbedeutung erfahrbar.

 

Niebuhr, Carsten, Entdeckungen im Orient. 1761- 1767; Tübingen und Basel 1973.

 

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