"Engel der Yeziden" von Gisela Prieß

Die Religion der Yeziden ist keine offenbarte Religion, wie sie Religionsstifter den Gläubigen in einer gefertigten Lehre vorlegen. Sie hat sich über Jahrtausende entwickelt. Auch heute noch gibt es keine offizielle, formale Lehre oder ein verbindliches Glaubenssystem. Yeziden leiten ihre Herkunft direkt von der Entstehung der Menschheit ab.

Eine Quelle unseres heutigen Wissens über die yezidische Religion bildet die große Existenz mündlich tradierter religiös-sakraler Texte (dazu gehören die vielen regional unterschiedlich tradierten Mythen und Entstehungsgeschichten, Gebete, liturgische und literarische Texte).

 

Dieser Schatz mündlicher Tradition war von den Yeziden bis in die 70iger Jahre geheim gehalten. Erst in dieser Zeit begannen yezidische Wissenschaftler selbst, diese heiligen Texte zu sammeln und schriftlich nieder zu legen. Seit den 90iger Jahren sind sowohl in Deutschland lebende Yeziden als auch europäische Wissenschaftler bemüht, möglichst viele dieser Texte zu veröffentlichen und zu interpretieren.

Yezidische und andere Wissenschaftler sind zu folgender Erkenntnis gelangt:

Wenn man die alten religiösen Texte der Inder und Iraner, die Indische Veda, das Zoroastrische Awesta und auch die Schöpfungsmythen der Ahl-e Haqq (auch als Shabak bekannt), die im Iran und auch im Irak zu finden sind, vergleicht, kann man feststellen, dass es dort so viele Übereinstimmungen gibt, dass man davon ausgehen kann, es mit den Nachkommen einer tief verwurzelten gemeinsamen religiösen Tradition zu tun zu haben.

Es ist wahrscheinlich, dass in dieser indo-iranischen Religion die Aufgabe, zwischen Menschen und göttlichen Wesen (Xwûdan) gute Beziehungen zu unterhalten, weitgehend die Aufgabe einer Priesterschaft war, deren Amt, wie bei den Yeziden, in gewissen Familien vom Vater auf den Sohn vererbt wurde. Ein wichtiger Teil der Pflichten dieser Priesterschaft war es also, einerseits die sozialen Verhältnisse in ihrem Stamm aufrecht zu erhalten, und andererseits die Welt der Götter durch Opferzeremonien zufrieden zu stellen.

Während dieser Opferzeremonien bot man den Göttern Speisen und Getränke an und lobte sie mit sakralen Hymnen, die von den Taten und Eigenschaften der Götter berichteten, wie heute manche Qewls (s.u.) der Yeziden über die Taten der Heiligen und Schutzpatrone berichten.

Wenn wir über die ENGEL der Yeziden und über ihre geheimen Kräfte (Mysterien / sirr) sprechen, dann ist es unerlässlich, dass wir unter den existierenden und durch ihre geografische Herkunft und Tradition voneinander abweichenden Schöpfungs-Mythen wenigstens die am meisten bekanntesten an den Anfang stellen:

Nach indo-iranischem Mythos hat der Himmelsgott die Welt, die Sonne, den Mond und die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft geschaffen. Danach hat er die sieben Erzengel hervorgerufen, denen er die Welt in Obhut gibt.

Yeziden pflegen einen tiefen Respekt vor den Naturelementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Viele ihrer überlieferten Tabus erklären sich hieraus.

Nach dem am weitesten unter den weiter westlich (gemeint ist von der iran.-irak. Grenze) siedelnden Yeziden verbreiteten Schöpfungsmythos (Mithraischer Mythos) schuf Gott die Welt ursprünglich in der embryonischen Form einer Perle. Daraufhin schuf er am ersten Schöpfungstag die erste und oberste der sieben Heiligen Gestalten, einen Engel in der Gestalt eines Pfaus (Dawusî Melek). An den sechs weiteren Schöpfungstagen schuf er: Dardaîl, Israfîl, (Esrafîl), Mikaîl, Jibraîl, Shamnaîl (Shimnaîl) und Nuraîl (Turaîl).

Als alle sieben Engel erschaffen waren, schloss Gott mit Dawusî Melek einen Pakt, nach dem alle sieben Engel die Welt verwalten sollten. Dann ließ Gott die Perle zerbersten und es entstand die Welt mit Ländern und Meeren. Der erste Stellvertreter Gottes auf der Erde sollte der Engel Pfau sein.

Die sieben Engel sind Gottes Geschöpfe; sie sind damit auch in gewisser Weise göttliche Wesen und besitzen geheime Kräfte (Mysterien / sirr). Melek Tawus ist jedoch der Ersterschaffene; er ist der Engel, der für die menschlich bewohnte Welt an Gottes Stelle tritt.

Nach der Erschaffung der Welt hat sich Gott zurück gezogen; die sieben Engel haben alsdann die Gestirne geschaffen. Jeder der sieben Engel ist für bestimmte Gestirne, für einen Planeten, bzw. für Sonne und Mond verantwortlich. Diese Himmelskörper stellen das Warteland für die verstorbenen Seelen dar, bevor sie erneut in einen anderen Körper reinkarniert werden. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Seele einen Gast aus einer anderen Welt darstellt. Sie gehört den Menschen nicht. Früher oder später kehrt sie zur Hauptquelle, zu Dawusî Melek, zurück. Jede Reinkarnation stellt einen Reinigungsprozess dar, der nach maximal siebenmaliger Reinigung seine Erfüllung im ersten Engel Pfau finden wird. Das irdische Leben der Yeziden stellt durch die Wiedergeburt keinen linearen sondern einen kreisförmigen Rhythmus her. Der Tod bedeutet lediglich, die Kleider – gemeint ist die äußere Erscheinung des Körpers – zu wechseln.

Alle Yeziden gehören durch Geburt einer der drei Kasten an: den Sheikhs, den Pîrs und den Murîd. Die drei großen Sheihk-Gruppen (Adani. Shemsani und Katani) haben zusammen 40 Untergruppierungen. Zur Pîr-Kaste gibt es ebenfalls 40 Untergruppierungen.

Diese 40 plus 40 = 80 Kasteneinteilungen sind der Anzahl von 80 mythologischen Mittlern zwischen den Menschen und den sieben Engeln zugeordnet. Man könnte sie heilige Beschützer oder Schutzpatrone oder göttliche Wesen nennen (Xwûdan). Diese Mittler sind heilige Gestalten mit magischen Kräften, die früher einmal als historische, verehrte Persönlichkeiten gelebt haben, aber beseelt waren von jeweils einem der Erzengel, der durch sie auf Erden gewirkt hat und auch heute noch wirken kann, wenn er im Gebet angerufen wird.

Wir können uns das so vorstellen, dass die sieben Engel ihre Seele und damit ihre Fähigkeiten und geheimen Kräfte bestimmten Gestalten verliehen haben, die den Menschen auf der Erde (gemeint sind den Yeziden) helfen und sie heilen, sofern diese sie darum bitten.

Darunter gibt es aber auch den ‚Sonnengott’ (Sheikh Shems) und den ‚Mondgott’ (Sheikh Sin, - s.u. - für Dienstag und Montag).

So sind die Yeziden davon überzeugt, dass z.B. Sheikh Adi, der Gelehrte des Sufismis und Reformator des bis heute bestehenden yezidischen Gesellschaftssystems, eine Reinkarnation vom obersten Engel, von Dawûsi Melek, selbst war. Seine Kraft (Mysterium) ist die seines Engels (Dawûsi Melek).

Im folgenden findet sich eine Übersicht über die Engel und deren jeweilige Mittlerpersonen, die mit ihren magischen, heiligen Kräften ausgestattet sind, sowie die Zuordnung der sieben Engel zu den von ihnen geschaffenen Sternen, Planeten, Sonne und Mond.

 

Name des Engels

zugeordneter Stern

Inkarnation der Engel (Göttliche Wesen / Xudan)

Sonntag: Azraîl (Azazîîl)

er hält den Schlüssel für die Welt in seiner Hand

= Dawûsi Melek

Sonne

Sheikh Hassan (fasten am So.)

- Fasten der Sheikhs von Sh. Shems und ihren Muriden: am Sa. im Dezember -

Montag: Dardaîl

Mond

Sheikh Sin

Dienstag: Israfîl (Esrafîl)

Mars / den ganzen Kosmos

in einigen Trad.: Morgenstern = (Venus)

Sheikh Shems

(Shemsadin)

Mittwoch: Mikaîl

Merkur

Sheikh Abubekir

Donnerstag: Jibraîl

Neptun

Sheikh Sicadin

Freitag: Shamnadîl

(Shimnaîl)

Saturn

Sheikh Nasiradin

Samstag:

Nuraîl (Turaîl)

Canopus, südliche Hemisphäre,;

er ist der zweithellste Stern am Nachthimmel

Sheikh Fakhredin

(Melek Fakhredin)

Fasten samstags im

Dezember-

 

In einigen alten Gebeten der Yeziden (Duah) werden die Erzengel und Gott angerufen und gepriesen (Beispiel: das Abendgebet: Dueava Hevarî, Vers 13, 1)); in anderen (z.B. dem Morgengebet) werden die Göttlichen Mittlergestalten, die Xwûdan, angerufen.

Wie schon erwähnt, sind alle Angehörigen der insgesamt 80 Kasten der Yeziden (die Sheikhs und die Pîrs) durch Geburt einem Göttlichen Schutzpatron (Xwûdan) zugeordnet und nach ihm benannt und damit auch einem der Erzengel zugeordnet (z.B.:“ Wir gehören zu Sheikh Mand..“).

Die Angehörigen der Murîd-Kaste leiten ihre Zugehörigkeit jeweils von derjenigen ihrer Sheikh-Familie ab.

Um einen Eindruck von der praktizierten Realität zu geben, wird im Folgenden die Rolle der einzelnen Engel und damit ihr Aufgabenfeld dargelegt:

AZAZIL, der erste Engel, der auch Engel Pfau heißt, ist Gottes rechte Hand. Er ist der Wächter der Erde. Einmal im Jahr, am yezidischen Neujahrsfest

(1. Mittwoch im April), kommt er auf die Erde und besucht Gottes Schöpfung. Er spendet den Menschen, was sie zum Leben brauchen (damit sind nicht nur materielle Werte gemeint, sondern auch Freiheit, Frieden, Nahrung, das täglich Brot etc.).

DARDAIL, dessen Kräfte durch Sheikh Hassan wirken, ist für alles Geschriebene verantwortlich, das auf Gottes großer Tafel eingetragen und vermerkt ist (Vergleich: das Buch des Lebens).

ISRAFIL, vertreten durch Sheikh Shems; er lenkt Sonne, Mond und den ganzen Kosmos auf ihren Bahnen.

MIKAIL, welcher durch Sheikh Abubakir wirkt, bestimmt die ‚xarka’, das liturgische Gewand – ursprünglich das der Sufis (Derwishe) – bei den Yeziden ist es das schwarze liturgische Gewand der Fakire.

Sheikh Abubakir trifft das Urteil über das geführte Leben der Verstorbenen, wenn die Seele in die andere Welt übergeht. Er teilt die Seelen ein in Gut und Böse, bringt die einen an den Ort der Verdammnis (doj) und die anderen ins Paradies (beheşt = der Ort, an dem Dawûsi Melek und die anderen Erzengel sind).

JIBRAIL, überbringt durch Sheikh Sicadin den Sterbenden Gottes Botschaft, dass das Leben nun zu Ende gehen wird. Sheikh Sicadin ist der Botschafter für alle Seelen.

SHIMNAIL (SHAMNAIL) wird vertreten durch Sheikh Nasirdin. Dieser (wörtlich: schneidet den Kopf der Verstorbenen ab – celat dê sera); d.h. er verursacht den Tod und bringt die Seele der Verstorbenen ins Heiligtum nach Lalish. Dort wird über die Seele durch Sheikh Abubakir (Vertreter des Engels Mikaîl) Gericht gehalten. Auf dem sûka marifetê in Lalish wird der Verstorbene nach seinem Leben gefragt. Verteidigt wird er hier von seinem Sheikh, seinem Pîr, seinem Murebbi (Lehrer) und seinem Birayê Axeretê. Natürlich wird der Verstorbene auch gefragt, was er ihnen zu Lebzeiten gegeben hat, denn die Großzügigkeit seiner Gaben zu Lebzeiten spielen bei der Beurteilung auch eine Rolle.

NURAIL (TURAIL) hat durch Sheikh Fakhredin Einfluss auf die religiöse Gesetzgebung (z.B. gehören alle Angehörigen der Baba Sheikh-Familie zu diesem Xwûdan).

Weitere himmlische Beschützer (Xwûdan) besitzen göttliche Kräfte, für die sie angerufen und um Heilung oder Hilfe gebeten werden können:

 

Pîrafat

Xatuna Fakhra (Shemsanî-Familien)

Sheikh Abrûz

Sheikh Shasoar

Mamê Shivan

Gavanê Zerzan

Shekhmus

Sheikh Hassan

Sheikh Fakhredîn =

(Melek F.)

10.Melek Sicadîn (s.o.)

11.Sheikh Babadîn

12. Pir Mohammed Reshan

13. Pîr Hacial

14. Pîr Alo Bakir (Al Abu Bakir)

15. Sherferdîn (Sheikh Melek)

16. Pîr Cerwan

17. Sheikh Mand

18. Pirê Libenan

19. Derwîsh il ard

20. Bana Gushgush

21. Kaniya sipî

22. Pîr Bûb

23. Khafurê Rîya

- wirkt in Ebbe und Flut

- Gottheit für Geburten, für neues Leben

(man dankt ihr nach einer glücklichen

Geburt)

- wirkt bei Gewitter (Blitz u. Donner)

- wird angerufen im Kampf (Krieg)

- verantwortlich für Schafherden

- verantwortlich für Kühe u. Rinder

- verantwortlich für Rheumatismus und

Gelenkerkrankungen

- f. eine best. Form des Rheumatismus

- (Mondgott) zuständig für alle

Erkrankungen bei Kindern

- er ist der Botschafter für die Seele

(sagt, dass der Mensch sterben muss)

- ist verantwortlich f.d. Heilung bei

Bauchschmerzen

- Göttl. Wesen für den Regen

- hilft psychisch Kranken, z.B. verwirrten

Menschen

- für Erkrankungen des Mund-

u. Rachenraums

- hilft bei Hepatitis, Erkrankungen der

Leber, Hauterkrankungen u. z.B.

Pocken

- hilft bei Skorpionstichen

- Xwûdan für alles, was mit Schlangen

zu tun hat. Sie sind die Naturheiler.

- wird von Liebenden angerufen, die

heiraten möchten

- zuständig f. Erde: z.B.

Getreidesaat u. Ernte

- hilft bei Ohrenerkrankungen

- alles, was mit Quellwasser zu tun hat

- hilft bei Warzen

- göttl. Wesen für alle Reisenden

 

In vielen yezidischen Dörfern und Siedlungen sind den oben beschriebenen Gottheiten – oder heiligen Gestalten mit göttlichen, geheimnisvollen Kräften – Heiligtümer und Heilige Orte, teilweise mit erbauten Heiligtümern (ziyaret) geweiht. Diese heiligen Orte können aus einem besonders großen Stein, einer Höhle, einem sehr alten Baum auf einer Anhöhe, einem Berg oder aus einem gemauerten Turm bestehen. Oft ist es das Grab eines sehr verehrten Mannes, eines verehrten Sheikhs oder Pîrs (wie z.B. im Zentralheiligtum in Lalish). An diesen heiligen Orten muss der Beter beim Betreten die Schuhe ausziehen, niederknieen und den Boden küssen. Er kann den betreffenden Xwûdan um Hilfe oder Heilung einer Erkrankung, eines Leidens, anrufen oder eine Bitte aussprechen (wie z.B. Kinderwunsch). Häufig wird als sichtbares Zeichen des Gebets ein Stück Stoff oder eine geknüpfte Schnur um einen Ast gebunden.

Im Zentralheiligtum Sheikh Adi in Lalish / Nordirak ist der weiße tonhaltige Boden so heilig, dass aus ihm vermischt mit dem Wasser der heiligen Quelle (kaniya sipî) kleine Tonkugeln geformt werden. Durch sie wird Gottes Kraft, Stärke und Schutz demjenigen, der sie bei sich trägt, zugesprochen. Fast alle Yeziden besitzen eine solche ‚barat’ und tragen sie auf längeren Wegen stets bei sich.

Das Wirken der oben beschriebenen Mittler zwischen Menschen und Erzengeln ist äußerst vielfältig. Ohne das Verständnis der Mittler und ihrer Identität, die in den Mythen, Legenden und den heiligen Gesängen, den qewls, der Yeziden eine große Rolle spielen, ist das Denken und Fühlen yezidischer Menschen (zumindest im Umfeld ihrer Heimat) nicht zu begreifen.

Wichtig ist zusammenfassend der Gedanke, dass Gottes (Xwudê, Xodê) unergründliche Kräfte (genannt sirr: Mysterien) durch Dawûsî Melek an erster Stelle, aber auch durch die anderen sechs Erzengel mit Hilfe der 80 Mittler / Beschützer (Xwûdan) und ihrer symbolischen Vielfalt an den Menschen wirken und der Menschen Leben, Sterben und Wiedergeboren-Werden Sinn gebend beeinflussen. Das ist der yezidische Kreislauf des ewigen Lebens.

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1) Dueava Hevarî,Vers 13:

Habt Ehrfurcht vor Azrayil, Cibrayil, Mikail, Sifqayil, Dardail, Izafil, Izazil. Diese halten die Schlüsselgewalt (f. d. Welt) in ihrer Hand. Sie erwarten Gottes Erscheinen, um ihm zu dienen.

Quelle für ENGEL und KHUDAN: mündliche Gespräche mit Sheikh Khalil Jindy Rashow

in den Jahren 1993 - 1999

 

 

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