Hasso Omriko Interview

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Hasso Omriko

1. Da komme ich her

Ich bin am 01.10.1938 in Erschqibar/Avrin in Syrien geboren. 1964 absolvierte ich mein Abitur und 1971 das Studium an der Damaskus Universität im Fach Geschichtswissenschaften.
   
2. Warum ging ich: Migrations- und/oder Fluchtgründe
   
Wie kam es zum Entschluss Ihr Herkunftsland zu verlassen?
Ich habe in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts Syrien verlassen und bin in die Arabischen Emirate gegangen. Ich habe dort mehrere Firmen gegründet. Ende der 90er Jahre habe ich einen Beitrag über den politischen Islam geschrieben und wurde deswegen staatlich verfolgt. Ich musste fliehen und kam nach Deutschland und habe hier einen Asylantrag gestellt.

Erfolgte die Entscheidung aus freien Stücken?
Ich musste die Arabischen Emirate verlassen, da ich verfolgt wurde. Nach Syrien konnte ich auch nicht mehr, da ich kein Freund des Regimes war.

Welche Rolle spielte Ihre ezidische Herkunft bei dieser Entscheidung?
In den Arabischen Emiraten gab es keine Eziden, außer meiner Familie und einigen anderen Arbeiterfamilien. Fast alle Eziden aus Syrien kamen nach Deutschland, daher war die Entscheidung nach Deutschland zu kommen richtig.
   
Wie kamen Sie auf Deutschland als Zielland?
Ich kam bereits als Referent mehrere Male nach Deutschland, bevor ich einen Asylantrag gestellt habe. Wie bereits erwähnt, kamen fast alle Eziden als Flüchtlinge nach Deutschland und ich habe mich auch entschieden hier her zu kommen.
   
Welche Reiseart, welche Reiseroute wählten Sie?
Ich bin illegal nach Deutschland gekommen, da ich verfolgt war. Wenn die Geheimdienste der Arabischen Emiraten mich erwischt hätten, hätten sie mich sofort festgenommen.
   
Wie haben Sie die Reise erlebt?
Die Reise war leider sehr schwierig, aber ich musste fliehen, damit ich nicht verhaftet werde.

3. In meinem Koffer habe ich mitgebracht: Ezidische Traditionen in Deutschland

Wie haben Sie die erste Zeit in Deutschland empfunden?
Ich kannte Deutschland schon bevor ich einen Asylantrag gestellt habe. Ich habe Deutschland besucht, aber auch viel über Deutschland gelesen. In Deutschland existieren Menschenrechte und Demokratie.
   
Gab es Begegnungen oder Umstände, die Ihnen die Ankunft erleichtert haben?
Ich hatte bereits viele Bekannte und Verwandte in Deutschland. Daher war es für mich sehr einfach hier zu leben. Ich konnte zuerst bei meinem Bruder leben bis ich einen Aufenthalt bekommen habe.

Was fällt Ihnen persönlich zum vielzitierten Begriff „Integration“ ein?
Integration ist wichtig für das Zusammenleben. Wenn man in einem Land lebt und sich nicht integriert, bedeutet das, dass man die Gesetze dieses Landes nicht respektiert. Daher finde ich es gut, dass die Eziden sich hier gut integrieren, damit sie gut mit ihren deutschen Nachbaren leben können.

Wie lassen sich für Sie ezidische Traditionen in Deutschland leben?
In Deutschland haben die Eziden sehr gute Chancen, ihre Traditionen und Religion zu üben. Die Möglichkeiten, die wir hier haben, hatten wir in unseren Heimatländern nicht. Daher sollten alle Eziden versuchen für ihre Kultur und Religion zu arbeiten.

4. Altwerden in Deutschland: Das wünsche ich mir an Unterstützung

Wenn Sie an Ihre Zukunft denken: Wie wünschen Sie sich Ihren Lebensabend?
Die ezidische Gesellschaft ist familiär und sozial. Ich wünsche mir, dass es so bleibt, damit die soziale Wärme weiter erhalten bleibt.
Wo möchten Sie Ihr Alter verbringen?
In einem Land wie Deutschland, wo kein Krieg ist und Frieden herrscht.

Wenn die Gesundheit und die Kraft nachlassen sollte: Kennen Sie verschiedene Angebote des ambulanten und (teil-) stationären Altenhilfesystems?
Ich kann Englisch und etwas Deutsch sprechen und so kann ich mich informieren.

Würden Sie gerne mehr darüber erfahren?
Ich informiere mich bereits gerne darüber.
   
Wie müsste externe Hilfe aussehen, dass Sie diese Unterstützung annehmen würden?
Dass jeder gleichberechtigt behandelt wird.
   
Haben Sie sonstige Wünsche an die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass in unserem Heimatland Frieden herrscht und die Menschen zusammenleben können.

Am Ende möchte ich Euch eine Geschichte erzählen:

Moses und der Wolf

Moses war Schäfer bei Herrn Sheeb und hatte seine Herde im schönen, fruchtbaren Tal Lalesch. Hier ließ Moses seine Schafe auf den saftigen Wiesen grasen und hütete sie hingebungsvoll. Mit seiner Herde brachte er dort lange einsame Tage und Nächte zu. Diese Arbeit war für Moses nicht immer ungefährlich, da er es in der bergigen Umgebung manchmal mit Löwen und Bären aufnehmen musste, die versuchten, seiner Herde Schafe zu entreißen. Ansonsten ging es beim Hüten der Schafe eher friedlich zu und niemand hatte in dem schönen Tal etwas Böses zu befürchten.
Eines Tages kam ein hungriger Wolf über die sanften Hügel auf der Suche nach Beute und streifte durch das friedliche Tal. Plötzlich trug der leichte Wind das Blöken der Schafherde an sein Ohr. So schlich der Wolf vorsichtig in die Richtung, aus der die blökenden Geräusche kamen. Da entdeckte er hinter hohem Gras die reiche Beute.
Weil die Herde aber von dem Schäfer und den Schäferhunden sehr gut bewacht und beschützt wurde, war dem Wolf klargeworden, dass hier keine leichte Beute zu holen war.
Da er tagelang nichts gefressen hatte und keine andere Gelegenheit in Sicht war, Beute zu reißen, kam er zu dem gerissenen Entschluss, sich zunächst freundlich und bestimmt an den Schäfer zu wenden, um mit ihm zu verhandeln. Dabei ließ sich der Wolf seinen großen Hunger nicht anmerken und sprach:
„Moses, ich bin ein wenig hungrig und möchte nicht mit dem Fressen warten, da ich mir eine so reichhaltige Beute nicht entgehen lassen kann. Wie du siehst, bin ich kräftig genug, um mit dir, deiner Herde und den Hunden fertig zu werden. Da ich nun aber ein freundlicher Wolf bin und du ein guter Schäfer bist, können wir uns jetzt unter folgender Bedingung friedlich einigen. Du musst dich bereit erklären, mir sofort eines deiner gut genährten Schafe zu geben.“
Obwohl Moses ein weiser Mann war, hat ihn die Taktik des Wolfes etwas überrascht.
Nach kurzer Überlegung kam Moses aber auf die schlaue Idee, dem Wolf ein altes, krankes Schaf zu geben.
Als Moses nun das alte Schaf aus der Herde holte, um es dem Wolf zu überreichen, meldete sich dies empört zu Wort und flehte Moses an:
„Du kannst mich doch nicht so einfach diesem listigen Wolf zum Fraß vorwerfen. Als ich noch jung, gesund und kräftig war, da hast du von mir Milch, Käse und Wolle genommen. Nun, da ich alt und gebrechlich bin, willst du mich dem gefräßigen Wolf opfern. Du hast doch gar keinen Respekt vor dem Alter eines verdienten Tieres. Ist das nun deine Vorstellung von Gerechtigkeit, Moses?“
Nun war der weise Mann ratloser als je zuvor. Er ließ das alte Schaf wieder los und trieb es zurück zur Herde.
Moses sah sich angestrengt in seiner Herde um und griff sich ein anderes Schaf. Es befand sich im besten Alter, war gesund und wohlgenährt. Er brachte es dem Wolf und sprach:
„Hier bringe ich dir nun ein Tier, das deinen Ansprüchen voll und ganz genügt: Nimm es und lass dich hier nie wieder blicken.“
Unbeeindruckt betrachtete der Wolf das Schaf und stimmte dem Angebot mit hungrigem Blick nach kurzer Begutachtung zu.
Entsetzt von diesem Tierhandel wandte sich das Schaf entrüstet an Moses und blökte lautstark:
„Moses, das kann doch nicht wahr sein. Du willst mich doch nicht wirklich im besten Alter dem Wolf zum Fraß vorwerfen. Denk doch mal nach, ich habe noch große Verantwortung für meine Lämmer, die auf mich warten und ohne meine Hilfe nicht groß und kräftig werden können.  Wenn du mich jetzt dem Wolf opferst, haben wir keine Nachkommen für die Herde.  Dann kannst du dem Wolf doch gleich alle Schafe geben. Ist das deine Vorstellung von Gerechtigkeit?“
Nun war Moses schon ein wenig verzweifelt, ließ das Schaf wieder los und nahm ein Lamm aus der Herde heraus, brachte es dem Wolf und sagte:
„Nun Wolf, hier habe ich aber einen schönen „Braten“ für dich. Damit soll der Handel nun abgeschlossen sein.“
Der Wolf, der nun seinen großen Hunger kaum noch verbergen konnte, nickte zustimmend und packte das Tier, um keine weiteren Verzögerungen zu riskieren. Gerade wollte er das Lamm fressen, da befreite es sich mit einem geschickten Sprung aus seinem Rachen und rannte zurück zur schützenden Herde. Aus sicherer Entfernung schrie nun das Lamm:
„Nein, Moses, so geht das aber nicht, ich bin noch jung und habe das ganze Leben noch vor mir. Ich habe noch nichts Anderes von dieser Welt gesehen außer diesem schönen Tal. Ich möchte noch andere schöne Täler kennen lernen.“
Da merkte der Wolf, dass Moses Mitleid mit den Tieren hatte und machte ihm mit knurrendem Magen hastig einen Vorschlag:
„Moses, nimm deine Herde und begleite sie nach Hause zurück. Dabei schau nur nach vorne und niemals nach hinten. Ich werde mir das Tier greifen und fressen, das am Ende der Herde zurückbleibt. So haben doch alle etwas davon.“
Moses überlegte reichlich, erkannte die aussichtslose Lage und nahm den Vorschlag an. So machte sich Moses mit seiner Herde auf den Rückweg, ohne sich dabei umzudrehen.
Zurück blieb nach einiger Zeit der Leithammel, das wertvollste Tier der Herde:
Der Wolf pirschte sich nun schnell an den Leithammel heran, erfasste ihn, biss ihm die Kehle durch und fraß seine Beute.
Beim letzten Schrei des Tieres war Moses erstarrt vor Schreck. Daran konnte er erkennen, dass es sein Leithammel war.
Mit gebrochenem Herzen kehrte Moses mit seiner Herde zu Herrn Sheeb zurück, um ihm zu berichten, was sich ereignet hatte.
Herr Sheeb aber hatte die schlechte Botschaft bereits vorausgesehen und sprach zu Moses in beruhigendem Ton:
„Sei nicht traurig, Moses. Du hast dir nichts vorzuwerfen. Wenn das Schicksal urteilt, werden die Augen blind und die Ohren taub.
Es war nun das Schicksal deines Leithammels, dass er das Nachtmahl für den Wolf werden sollte.
Nicht du hast entscheiden und auch ich sollte darüber nicht entscheiden. Gott alleine hat diese Entscheidung getroffen.
Moses, wenn Menschen Fehler machen und falsche Taten verüben, können sie traurig sein und sich schuldig fühlen, aber was der Schöpfer entschieden hat, liegt nicht mehr in der Kraft menschlichen Willens.
Das, was hier passiert ist, haben Menschen dankbar und demütig anzunehmen, ohne zu urteilen, denn vor Gott können sie dabei nicht schuldig sein.“
Da fiel Moses ein Stein vom Herzen. Er lächelte und fühlte sich von aller Schuld befreit. So kehrte wieder Frieden ein im wunderschönen Tal Lalesch.

 

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