Sabri Omar Interview

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Sabri Omar

1. Da komme ich her

Ich bin 1936 in Kanirewal/Bisheri in der Türkei geboren. Als 7 -jähriges Kind musste ich mit meiner Mutter und meinen beiden jüngeren Geschwistern die Türkei verlassen und nach Syrien immigrieren. Dort bin ich bis zu meiner Ausreise nach Deutschland geblieben.

2. Warum ging ich: Migrations- und/oder Fluchtgründe
 
Wie kam es zum Entschluss Ihr Herkunftsland zu verlassen?
Wir waren seit 1943 in Syrien Staatenlose, d.h. wir durften nichts auf unsere Namen registrieren. Wenn wir z.B. ein Auto kauften, mussten wir auf den Namen eines Bekannten anmelden, damit wir es überhaupt fahren konnten. Meine Kinder haben Syrien verlassen, weil sie ihre Schule und ihr Studium nicht weitermachen konnten. Sie hatten einfach keine Perspektive in Syrien. Im Jahr 2011 ich und meine Frau sind alleine geblieben. Der Krieg hat in Syrien begonnen, deswegen haben wir Syrien verlassen uns sind zu unseren Kindern nach Deutschland gekommen.

Erfolgte die Entscheidung aus freien Stücken?
Wie gesagt, der Bürgerkrieg ist ausgebrochen, daher wurden wir gezwungen unser Heimatland zu verlassen.
 
Welche Rolle spielte Ihre ezidische Herkunft bei dieser Entscheidung?
Ohne internationale Unterstützung ist es schwierig im Orient zu leben, da die radikalen Gruppierungen Eziden und andere Minderheiten nicht dulden. Ich glaube, die Eziden verlassen ihre Heimat nicht freiwillig.
 
Wie kamen Sie auf Deutschland als Zielland?
Meine Kinder leben in Deutschland, sie sind schon in Deutschland etabliert und integriert, sie arbeiten, die Enkelkinder gehen zur Schule, alle andere Verwandten leben auch in Deutschland. Deswegen wollten wir auch zu unseren Kindern.
 
Welche Reiseart, welche Reiseroute wählten Sie?
Wir kamen illegal über die Grenzen zu Fuß in die Türkei und von der Türkei sind wir nach Deutschland geflogen.
 
Wie haben Sie die Reise erlebt?
Es war nicht einfach. Insbesondere die syrisch-türkische Grenzüberquerung war sehr schwierig, da wir ältere Menschen waren und nicht viel laufen konnten, es war nicht einfach.
 
3. In meinem Koffer habe ich mitgebracht: Ezidische Traditionen in Deutschland
 
Wie haben Sie die erste Zeit in Deutschland empfunden?
Ich bin 78 Jahre alt und habe die ganzen Jahre in Syrien verbracht. Natürlich hat man Heimweh. Aber meine ganzen Kinder und Enkelkinder leben hier und sie besuchen uns täglich. Die erste Zeit war doch nicht einfach, man denkt immer an Freunde, Bekannte usw., die man noch in Syrien hat. Man träumt meistens vom Heimatland.
 
Gab es Begegnungen oder Umstände, die Ihnen die Ankunft erleichtert haben?
Wir haben gar keine Schwierigkeiten in Deutschland bekommen. Wir kamen an und haben sofort Asylantrag gestellt. Wir durften sofort zu unseren Kindern umverteilt werden. Einige Monate später haben wir unseren Aufenthalt als Flüchtlinge bekommen.
 
Was fällt Ihnen persönlich zum vielzitierten Begriff „Integration“ ein?
Ich denke die Eziden sind in Deutschland größtenteils integriert. Es soll auch so sein, da die Eziden kein Heimatland mehr haben. Sie haben nirgend woanders Schutz als in Deutschland.
 
Wie lassen sich für Sie ezidische Traditionen in Deutschland leben?
Die Eziden haben beste Chancen ihre Religion und Tradition hier weiter zu pflegen. Sie tun das auch. Erstmals seit ca. 200 Jahren haben die Eziden wieder eine Chance, in Deutschland frei zu leben, nicht diskriminiert und nicht verfolgt wegen ihrer Religion.
 
4. Altwerden in Deutschland: Das wünsche ich mir an Unterstützung
 
Wenn Sie an Ihre Zukunft denken: Wie wünschen Sie sich Ihren Lebensabend?
Ich bin schon alt und wünsche mir, dass meine Kinder so wie jetzt immer um mich und meine Frau sind.
 
Wo möchten Sie Ihr Alter verbringen?
Wenn der Mensch in einem Land aufwächst, hat man immer Sehnsucht und man möchte natürlich wieder in seinem Land leben. Aber z.Z. herrscht in Syrien Krieg. Daher möchte ich gerne in Deutschland bei meinen Kindern mein Alter verbringen.
 
Wenn die Gesundheit und die Kraft nachlassen sollte: Kennen Sie verschiedene Angebote des ambulanten und (teil-) stationären Altenhilfesystems?
Leider nicht, aber dafür haben wir unsere Kinder und Enkelkinder bei uns.
 
Haben Sie sonstige Wünsche an die Zukunft?
Ich bedanke mich bei der deutschen Regierung und beim deutschen Volk, dass sie uns so freundlich und menschlich aufgenommen haben und sie behandeln uns sehr menschlich. Ich bete für Deutschland und das deutsche Volk, dass sie immer Erfolg in ihrem Leben haben und dass Deutschland sich immer gut entwickelt und Fortschritte macht.

 

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